IT-Report Gesundheitswesen. Schwerpunkt - Wie reif ist die IT in deutschen Krankenhäusern?

Ist die IT im Gesundheitswesen und insbesondere in den Krankenhäusern reif genug, um für die Versorgungsprozesse und für den Behandlungserfolg von Nutzen zu sein? Dieser Frage widmet sich der aktuelle IT-Report Gesundheitswesen 2018 der Forschungsgruppe Informatik im Gesundheitswesen an der Hochschule Osnabrück. „Die Digitalisierung der Gesellschaft führt unweigerlich auch zur Digitalisierung des Gesundheitswesens. Wir fragen nicht mehr nach dem „ob “ und

„warum“ sondern nach dem „wie“ und „wo“, nach der Nutzung und dem Nutzen digitaler Anwendungen“, erläutert Prof. Dr. Bernd Lehmann, Vizepräsident für Forschung, Transfer und Nachwuchsförderung.


Elektronische Patientenakte: Anstieg ist abgeflacht, Verlauf stagniert


Der IT-Report liefert dazu Antworten. Unter Leitung von Prof. Dr. Ursula Hübner

wurden zum achten Mal deutsche Krankenhäuser umfassend befragt. Damit liegen

Daten in einer einzigartigen Form für Deutschland vor. Aus der Befragung geht

hervor, dass die Verbreitung der elektronischen Patientenakte über die Jahre

deutlich zugenommen hat. 2005/2006 stand lediglich 43 Prozent der Krankenhäuser

eine elektronische Patientenakte in irgendeiner Form zur Verfügung, aktuell

sind es 73 Prozent. Eine Zunahme, die allerdings schon vor vier Jahren

beobachtet worden war. „Wir müssen jeweils genau hinsehen“, interpretiert

Hübner die Daten. „Was unter einer Patientenakte verstanden wird, ist sehr

variabel. Deshalb haben wir jegliche Formen der elektronischen Akten

zusammengefasst, auch solche, die nur in einer Abteilung oder nur

teilfunktionsfähig sind.“ Gut sei, dass sich die Häuser mit der Integration der

Patientendaten befassten. Enttäuschend hingegen, dass offensichtlich keine

Bewegung stattgefunden hat, so die Wissenschaftlerin.


IT-Prozessunterstützung hinkt an den Schnittstellen zum ambulanten Bereich


Zur Bewertung des IT-Reifegrades hat die Forschungsgruppe eine Spitzenkennzahl

entwickelt, anhand derer die IT-Unterstützung für die zentralen Prozesse von

der Aufnahme bis zur Entlassung bewertet wird. Dabei erreichten die

Krankenhäuser mit durchschnittlich 52,4 von maximal 100 Punkten einen mittleren

Wert. Aufgeschlüsselt auf die einzelnen Prozesse zeigte sich mit 44,0 ein

niedriger mittlerer Wert für die IT-Unterstützung im Aufnahmeprozess. Die

höchste mittlere Punktezahl erzielte der OP-Vorbereitungsprozess mit 64,0.

„Dies deutet darauf hin, dass Krankenhäuser ihre internen IT-unterstützten

Prozesse deutlich besser im Griff haben als solche, die an der Schnittstelle

zum ambulanten Bereich liegen“, so Hübner. Die Zahlen aus der Verbreitung von

Telemedizin und Telemonitoring spiegeln diese Aussage: 55 Prozent der befragten

Krankenhäuser gaben an, beispielsweise eine Zweitmeinung in der Radiologie über

Telemedizin einzuholen oder eine elektronische Fallkonferenz abzuhalten, aber

nur 15 Prozent boten ihren Patienten eine Fernüberwachung zum Beispiel des

Herzschrittmachers an.


Schwachpunkt: Arzneimitteltherapiesicherheit


Ein neuralgischer Punkt der IT-Nutzung ist die Arzneimitteltherapie. Hier stieg

der Anteil der Häuser, die Ärzten für die Auswahl geeigneter

Medikamententherapien eine elektronische Entscheidungsunterstützung installiert

haben, seit 2013 nur geringfügig von 14 auf 15 Prozent. Auch in anderen

Bereichen stagnieren die Werte auf niedrigen Niveau, wie bei der elektronischen

Dokumentation der Medikamentengabe, die bei 7 Prozent liegt.


Der IT-Reifegrad in Krankenhäusern ist ausbaubar


Geht man von der Spitzenkennzahl der Prozessunterstützung aus und bezieht die

Verfügbarkeit der elektronischen Patientenakte mit ein, so zeigt der Report,

dass die IT-Reife einen mittleren Wert erreicht und die Prioritäten auf der

elektronischen Patientenakte liegen. „Das ist noch nicht die gewünschte

Komfortzone“, so die Expertin für Krankenhausinformatik.


Der Digitalisierungsbotschaft muss ein eHealth Handlungsplan folgen


„Die Krankenhäuser warten auf motivierende Signale aus der Politik und eine

Chance, gute umfassende Systeme auch bezahlen zu können“, resümiert Hübner.

„Niedrige oder stagnierende Zahlen sind kein Zeichen von ignorantem Unwillen,

sondern eher von finanziellem Unvermögen. Es reicht nicht, Glasfaserkabel zu

legen und abzuwarten. Wir brauchen einen eHealth Handlungsplan, der die

Krankenhäuser in eine gute Ausgangsposition bringt.“


Der IT-Report Gesundheitswesen ist ein Resultat des Forschungsschwerpunktes

INITIATIVE eHealth an der Hochschule Osnabrück, der durch das Niedersächsische

Ministerium für Wissenschaft und Kultur über einen Zeitraum von fünf Jahren mit

Mitteln aus VW Vorab gefördert wird. Die Herausgabe des Reports wird finanziell

durch das Niedersächsische Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und

Digitalisierung im Rahmen von eHealth Niedersachsen unterstützt. Der „IT-Report

Gesundheitswesen 2018 – Wie reif ist die IT in deutschen Krankenhäusern?“ ist

frei verfügbar unter: http://www.hs-osnabrueck.de/it-report-gesundheitswesen/

(Hochschule Osnabrück, PDF, 11 MB).