Leistenhernie und SM

  • Ein 85j. Pat wurde an Leistenhernie operiert, in der postop. Phase Verlegung auf die Innere wegen cardiale Dekomp. und Brady-Tachycardiesyndrom, das zur Absicherung der cardialen Behandlung die Implantation eines VVI-SM erforderlich machte.
    Grouping jetzt: HD K40.90, ND I49.5, I50.0, (weitere wenig relevante ND), daraus stöpselt der Grouper DRG G09Z (Eingriffe bei Leisten- und schenkelhernien). Weshalb bleibt der SM unberücksichtigt? Schon aufgrund des Schrittmachers ist die SM-Implantation doch aufwändiger als die LH! Warum also nicht in F12Z gegroupt? :no:

    M.Rost

  • Guten Morgen,


    eine Frage des Groupingalgorithmus. Die HD K40.90 bringt sie in die MDC06, dort wird eine DRG passend zur Prozedur Herniotomie gefunden, an der Schrittmachrimplantation schaut der Grouper vorbei.


    Ich sehe nicht, wie Sie ohne Änderung der Hauptdiagnose und damit ohne die KR zu verletzen hier die DRG für die SMI erreichen könnten, sorry.


    Freundliche Grüße


    Christian Jacobs

  • Danke für die Auskunft. Beweist mir wiedermal, dass die DRG mit heißer Nadel gestrickt und daher an vielen Stellen Bockmist sind.
    MR:angry: :angry: :angry: :angry:

    M.Rost

  • Hallo,


    kann zwar die emotionale Reaktion nachvollziehen, die Aussage "Beweist mir wiedermal, dass die DRG mit heißer Nadel gestrickt und daher an vielen Stellen Bockmist sind." bleibt jedoch für mich nicht zutreffend.


    Wie Christian Jacobs bereits ausgeführt hat: Das Ergebnis ist Resultat der ("australischen") Gruppierungslogik. Dies hat nichts mit "heißer Nadel" zu tun, sondern sind Bestandteil des (übrigens nicht erst in Australien kreierten) Konzepts und nicht Ausdruck einer irgendwie gearteten unter Zeitmangel verursachten Mangels (zumal DRGs schon seit über 30 Jahren im praktischen Einsatz sind).


    Wenn ich es richtig verstanden habe, will das System auch keinen "Anreiz" für Komplikationen geben. (Natürlich können Komplikationen auch bei bester Behandlungsqualität nie vollständig ausgeschlossen werden.)


    Die Bewertung von DRGs geht aus einer Mixkalkulation hervor, in der Fälle mit geringen Ressourcenverbräuchen und solche mit höheren gemischt sind und sich idealerweise ausgleichen sollen. Der vermehrte Aufwand von Fällen mit Komplikationen soll entweder durch Schwergraderhöhungen abgebildet werden oder geht in die (Misch-)Kalkulation einer DRG ein.


    Dadurch kann es dazu kommen, dass nicht jeder Einzelfall adäquat abgebildet werden kann. Dies ist jedoch auch das Naturell einer Pauschale im Gegensatz zur Einzelleistungsabrechnung.


    Also nix für ungut: Ich kann Ihre Entäuschung über das "Ergebnis" in dieser Kasuistik verstehen. Der Patient wurde sicherlich "state of the art" behandelt, die PM - Implatation war wohl medizinisch indiziert (und man konnte den Pat. sicherlich auch nicht nach Hause schicken, um ihn zur PM-Implantation wieder aufzunehmen) und nun ist das "Nichtbezahlen" der Schrittmacherimplantation (mit recht hohem Sachkosteneinsatz) schon recht ärgerlich. Leider fällt mir hier auch keine Möglichkeit ein, daran was unter DRG- Bedingungen zu ändern (siehe Kommentar Herr Jacobs).


    Ob das System "Bockmist" ist oder nicht, sollte man aber m.E.n. erst nach der makroökonomischen Betrachtung beurteilen.


    Das soll jedoch nicht heissen, dass nicht jede/r Vorschläge für die Verbesserung des Systems machen kann und sollte! Es heisst doch, dass wir's mit einem lernenden System zu tun haben.


    --
    Mit freundlichem Gruß


    Hermann Scheffer
    Berlin

    Hermann Scheffer
    Berlin

  • Letztendlich gehöre ich auch zu denen, die ein DRG prinzipiell für einen sinnvollen Weg der Vergütung halten. Ich bin auch derjenige, an dem sich Zorn und Frust der Assistenzärzte ablädt. Aber um einmal das Wort Bockmist etwas zu "verwissenschaftlichen": Die Ermittlung der Relativgewichte erscheint mir zweifelhaft, wenn lediglich ca. 500000 Behandlungstage zu Grunde gelegt wurden und vor allem die Großkliniken nicht erfasst sind, da sie an der Ermittlung größtenteils nicht teilgenommen haben. Auf der Basis "wer Lust hat und mag" wurden die Daten abgegeben. Es wurden keine repräsentativen Kollektive gebildet und nicht prospektiv gearbeitet. Ein Medikament mit solchen Zulassungsstudien würde zu Recht nicht zugelassen! So finden sich nicht nachvollziehbare Inkohärenzen in dem System. Auch wenn es "kalkulatorische" Daten sind, so kann absolut nicht nachvollzogen werden, warum G43A (Komplexe therapeutische Gastroskopie bei schweren Krankheiten der Verdauungsorgane mit äußerst schweren oder schweren CC oder komplizierendem Eingriff) mit einem CW von 1,485 belegt ist, die entsprechende Coloskopie (G44A) nur einen CW von 0,816 bietet, obwohl die Coloskopie ein erheblich stärker ressourchenverbrauchender Eingriff ist (Vorbereitung, Risikokonstellationen, Zeitdauer der Untersuchung, Komplikationsmöglichkeiten) als die Gastroskopie.
    Wenn man auf andere Länder verweist, darf man nicht vergessen, dass in Australien bei weitem nicht alle Krankenhäuser die A-DRG anwenden und dass es zudem Ausgleichsmechanismen für Verluste gibt. In Norwegen (Nord-DRG) habe die Ärzte mit dem ganzen Codieren nichts zu tun, müssen allerdings ICDs und Prozeduren (diese in wesentlich detaillierterem Umfang, und stärker Vergütungsrelevant) eingeben. Allerdings sind die DRG dort nicht die alleinigen Grundpfeiler der Krankenhausfinanzierung, sondern es kommt auch eine starke Versorgungs- und Vorhaltekomponente hinzu.
    Letztendlich hat sich im Übrigen in den anderen Ländern gezeigt, dass kein Cent und keine müde Öre an Kosten gesenkt wurden.
    Bei uns werden qualifizierte Ärzte in Massen für diese Dinge verbraucht, der Rest wird demotiviert und in erheblichem Umfang von seinen eigentlichen Tätigkeiten abgehalten und frustriert.


    PS: Trotzdem danke ich allen Controller- und Management-Kollegen, die sich meiner Fragen und Meckerei geduldig annehmen, da ich wie viele in der Provinz noch in einer Lernphase bin.

    M.Rost

  • Hallo Herr Rost,


    (ich vermute mal, Sie heißen so)


    ich kann Ihren Unmut nachvollziehen. Ihren Fall trotz nichtkardiologischer Hauptdiagnose "korrekt" in die DRG Schrittmacher zu führen, setzt erhebliche Eingriffe in den Groupingalgorithmus voraus (man müsste die SMI zur Pre-MDC machen).
    Bei einem derartigen Mismatch zwischen Nullachtfuffzehn-Z-DRG und einer erheblich aufwendigeren ebenfalls verschlüsselten Prozedur sollte aber ein "erwachsenes" DRG-System, mit dem man auch echtabrechen soll, IMHO zumindest eine Fehler-DRG ansprechen. Sowas könnte möglicherweise mit deutlich kleineren Eingriffen umgesetzt werden. Trösten Sie sich damit, dass in 2003 und 2004 diese Probleme ökonomisch noch nicht wirksam werden und machen Sie mit bei der Kalkulation der viiiiel besseren G-DRG 2.0 und 3.0 ;)


    Laut InEK-Daten wurde übrigens die Version 1.0 aus 494125 Fällen kalkuliert, nicht aus 500000 Tagen.


    Freundliche Grüße
    Christian Jacobs

  • Vielen Dank für prompte Antwort und Trost. Sorry, mein Fehler. Dennoch sehr wenig. Wieviel Prozent aller Fälle sind das dann? (Angaben über die Gesamt-Zahl der Krankenhaus-Fälle kenne ich nicht). Davon abgesehen bleibt das nicht-repräsentative, beliebige der Auswahl.
    Dass das Ganze in diesem Jahr noch nicht direkt zu Buche schlägt, weiß ich, es ist tröstlich, macht die Arbeit vor allem den bis aufs Blut gepeinigten Kollegen nicht leichter (und mir auch nicht, wenn ich umständlich erklären muss, welche Rolle das heute Verschlüsselte für die Vergütung in einigen Jahren spielt, in denen die betroffenen Kollegen eh längst wo anders arbeiten.). MR :uhr: :bombe:

    M.Rost