Kodierproblem Demenz

  • Liebe Teilnehmer,


    in der Gerontopsychiatrischen Abteilung stellt sich bei uns folgende Frage:


    Patienten die ein Form der Demenz F00-FO3 haben und aufgrund dieser Demenz weitere psychische Störungen, wie unter F06, wurden bisher als HD mit einem Code aus F06 und als Nebendiagnose der spezifischen Form der Demenz F00-03 kodiert. Nun ist uns aufgefallen, dass bei F06.- Ein Exklusivum \"In Verbindung mit Demenz, wie unter F00-F03 beschrieben\"


    Unter F00-F03 :\" Demenz (F00-F03) ist ein Syndrom als Folge einer meist chronischen oder fortschreitenden Krankheit des Gehirns mit Störung vieler höherer kortikaler Funktionen, einschließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen. Das Bewusstsein ist nicht getrübt. Die kognitiven Beeinträchtigungen werden gewöhnlich von Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivation begleitet, gelegentlich treten diese auch eher auf. Dieses Syndrom kommt bei Alzheimer-Krankheit, bei zerebrovaskulären Störungen und bei anderen Zustandsbildern vor, die primär oder sekundär das Gehirn betreffen.\"


    Heißt das nun:


    1) Eine F00-F03 darf in keinem Fall mit einer weiteren Diagnose aus F06 kodiert werden. Das Krankeheitsbild ist mit einer F00-F03 korrekt abgebildet.


    oder


    2) Beides zusammen kann kodiert werden. Das Exkl. bezieht sich somit nur auf eine \"klassische\"Demenz\". Der Absatz\"Die kognitiven Beeinträchtigungen werden gewöhnlich von Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivation begleitet, gelegentlich treten diese auch eher auf.\" deckt somit z.B. halluzinatorische oder wahnhafte Störungen nicht ab. F06 kann dann zusätzlich zu F00-F03 kodiert werden.


    Wie wird dies in anderen Kliniken gesehen bzw. gehandhabt?



    Vielen Dank für Ihre Antworten.


    Freundliche Grüße


    E. Rah

    E. Rah.


    Medizinische Dokumentarin

  • Hallo Frau Rah!
    Mit einem Code aus F00 bis F03 ist die Krankheit tatsächlich korrekt abgebildet.
    Es wäre eine doppelte Kodierung, zu einer Demenz noch die entsprechenden Symptome zu kodieren.


    Aber selbst, wenn Sie bei einer Demenz eine organische Halluzinose kodieren würden, wäre, meiner Interpretation der Kodierrichtlinien nach, die Demenz trotzdem die Hauptdiagnose.


    Viele Grüße,


    B. Gohr

    Das Problem am Gesundheitssystem ist der aufrechte Gang. Der aufrechte Gang ist moralisch wünschenswert, orthopädisch aber eine Katastrophe.

  • Hallo Herr Gohr,


    vielen Dank für Ihre Antwort.


    Vielleicht noch ein paar Nebeninformationen und eine weitere Frage. Würden Sie die Demenz auch dann als HD nehmen, wenn bei dem Patient diese schon bekannt ist, und der Patient nur wegen der neu aufgetretetenen Halluzinose aufgenommen würde? Für mich sprach für die HD F06.x die Veranlassung des stationären Aufenthalts.


    Besten Dank und viele Grüße,


    E. Rah.

    E. Rah.


    Medizinische Dokumentarin

  • Hallo Frau Rah,
    wenn die Demenz nach Analyse die zugrunde liegende Erkrankung ist, die den Aufenthalt verursacht hat, ist sie für mich die Hauptdiagnose.
    Vergleiche Beispiel Persönlichkeitsveränderungen bei Hirntumor in den Kodierrichtlinien.


    Viele Grüße,


    B. Gohr

    Das Problem am Gesundheitssystem ist der aufrechte Gang. Der aufrechte Gang ist moralisch wünschenswert, orthopädisch aber eine Katastrophe.

  • hallo Frau Rah
    hallo Herr Gohr


    weil F05.1 bisher nicht erwähnt wurde
    möchte ich wegen der häufigkeit der senilen demenz und auch der häufigkeit eines akuten verwirrtheitszustandes
    auf das Exkl. bei F03 aufmerksam machen: Senile Demenz mit Delir oder akutem Verwirrtheitszustand (F05.1 )


    mfg ETgkv

  • Hallo ETgkv,
    schön, dass Sie die F05.1 erwähnen - hatte die garnicht mehr auf dem Zettel.


    Viele Grüße,


    B. Gohr

    Das Problem am Gesundheitssystem ist der aufrechte Gang. Der aufrechte Gang ist moralisch wünschenswert, orthopädisch aber eine Katastrophe.

  • Hallo Herr Gohr,

    vielen Dank, Ihre Antwort bzgl. HD hat mich überzeugt.


    Bezüglich der Frage, ob überhaupt eine F06 zusätzliche kodiert werden kann, wird bei uns von ärztlicher Sicht argumentiert, daß bei eben diesen Patienten weit über das übliche Maß von kognitiven Defizite und emotionaler Störungen hinaus gehende Symptomatik vorliegen. Eben nicht nur wie im Exkl. \"In Verbindung mit Demenz, wie unter F00-F03 beschrieben.\" Deshalb zusätzlich F06.x.



    Mir ist bewusst, daß wir uns mal wieder auf Textinterpretationsebene bewegen, aber ich denke, es ist sicher ein für viele gerontopsychiatrische Abteilungen relevantes Problem.



    Viele Grüße


    Eva Rahlke

    E. Rah.


    Medizinische Dokumentarin

  • Hallo Frau Rahlke,
    die Frage, die man sich sicher stellen muss, ist auch, inwieweit denn die Diagnosen, die \"die Ärzte gern hätten\" relevant für eine Kodierung und Abrechnung sind.
    Natürlich sieht es im Arztbrief chic aus, wenn da jedes noch so kleine Symptom beschrieben ist. Aber hat das Relevanz für unsere Kodierung?


    Viele Grüße,


    B. Gohr

    Das Problem am Gesundheitssystem ist der aufrechte Gang. Der aufrechte Gang ist moralisch wünschenswert, orthopädisch aber eine Katastrophe.

  • Hallo Herr Gohr,


    Betonung wollte ich hier nicht auf ärztlich legen, die Argumentation bezog sich ja auf den ICD-10 Text. Kodierrelevanz liegt insofern vor, als daß diese Patienten für gewöhnlich wesentlich intensivere ärztliche und pflegerische Betreuung brauchen als Demenzpatienten ohne diese zusätzliche Symptomatik.


    Die F05.1 wird auch bei uns verwendet, aber im sehr engen Sinn bei aus mehren Bereichen gleichzeitig auftretenden Symptomen.


    Vielen Dank für Ihr Engagement bei Antworten.


    Viele Grüße


    Eva Rahlke

    E. Rah.


    Medizinische Dokumentarin

  • Hallo nochmals Frau Rahlke!
    Aber gerade, um die intensiv behandelbaren Patienten abzubilden, können wir doch, zusätzlich zu den Diagnosen, noch die schönen OPS abrechnen.


    Ich kann Ihrer Argumentation natürlich folgen und verstehe Sie auch gut; sehe aber soweit nicht die Möglichkeit, die beiden Codes zusammen zu nutzen.


    Gern lasse ich mich aber von einem erfahreneren Kodierer/Controller hierin verbessern.


    Viele Grüße,


    Benjamin Gohr

    Das Problem am Gesundheitssystem ist der aufrechte Gang. Der aufrechte Gang ist moralisch wünschenswert, orthopädisch aber eine Katastrophe.

  • Hallo an alle,


    aus meiner Sicht vermischen sich hier mehrere Probleme; die Demenz ansich ist ja ein chronischer Zustand, der für sich gesehen einen stationären Aufenthalt nicht rechtfertigt, sondern nur spezielle Zustände/Exazerbationen wie z.B. das Delir bei Demenz (ähnliches gilt ja auch bei Intelligenzminderungen, Borderline-Störungen usw.)
    Unsere Erfahrung BISHER ist, dass bei Angabe solcher Hauptdiagnosen sehr rasch Anfragen der Kostenträger eintrudeln können.
    Vermutlich ist, abgeleitet aus solchen Erfahrungen und dem vermittelten psychiatrischen Wissen (da gibt es sehr wohl Delir bei Demenz), das sich nicht zwingend mit Kodierrichtlinien deckt, die Diskrepanz zu erklären.
    Im Grunde fehlen in ICD-10 Unterkategorien solcher Diagnosen, die die akute Krankenhausbehandlungsbedürftigkeit deutlich machen. Aber dafür war ja wiederum ICD-10 nicht gemacht...
    Die ganz richtige Kodierung wird uns wohl erst die Zukunft (oder ICD-11??) weisen...


    Viele Grüße speziell an Herrn Gohr


    B. Knittel

  • Ich möchte noch mal an das Thema anknüpfen und den Schwerpunkt etwas vom Aufwand weg in Richtung klinische Psychiatrie lenken. Wenn ich einen Alzheimer-Demenz-Patienten habe, der in die Klinik kommt, weil er wahnhaft ist ("hier läuft ein Spiel", "alles ist inszeniert"), dann ist das am ehesten G30.1+ mit F00.1* und F06.2, aber F00 mit F06 ist gemäß ICD verboten. Klinisch handelt es sich aber auch nicht um ein Delir (F05.1). Nur den Alzheimer wollen wir auch nicht codieren, und nur die wahnhafte organische Störung würde die Demenz unterschlagen. Hat das werte Forum eine Lösung? Beste Grüße J. Nebe