Beatmung bei Früh-/Neugeborenen 2011

  • Liebes Forum,


    ich habe die Nutzungshinweise für meine erste Frage gelesen und bin zu meinem Thema nicht fündig geworden und bitte um eine Antwort.
    Vielen Dank!
    Problem:
    Ein Frühgeborenes wird bei ANS Grad 1 mittels Rachen-CPAP vom 01.06./07:00 Uhr bis 03.06./07:00Uhr beatmet, PEEP:7, die letzten 10h:PEEP:5
    Beatmungszeit: 48h, OPS:8-711.00
    Soweit so gut.
    Danach steht in der Dokumentation: "High-Flow-Brille mit einem Flow von 4l über einen Zeitraum bis 05.07."


    Nun meine Fragen:
    a.Ist diese Atemunterstützung mit "High-Flow-Brille" als Beatmung i.S. der DKR zu werten?
    b.Ist damit der neue Kode 8-711.4 gemeint? Und entspricht dies der bekannten Definition 1001h "Maschinelle Beatmung"?

  • Guten Tag,


    zur Atemunterstüzung mit Hi-Flow Brille aus den DKR 2011 1001h:

    Zitat

    Definition
    Maschinelle Beatmung („künstliche Beatmung”) ist ein Vorgang, bei dem Gase mittels einer
    mechanischen Vorrichtung in die Lunge bewegt werden. Die Atmung wird unterstützt durch das
    Verstärken oder Ersetzen der eigenen Atemleistung des Patienten.


    Die DKR 2011 1001h führen aber weiter aus:

    Zitat

    3) Bei Neugeborenen und Säuglingen ist zusätzlich ein Kode aus
    8-711 Maschinelle Beatmung bei Neugeborenen und Säuglingen anzugeben.
    Anmerkung: Bei Neugeborenen sind darüber hinaus auch andere atmungsunterstützende
    Maßnahmen wie z.B. Sauerstoffzufuhr (8-720) zu verschlüsseln, soweit nicht eine
    maschinelle Beatmung erfolgt. Hier ist die Beatmungsdauer nicht zu kodieren.


    Legt man diese Aussagen strikt aus (vgl. Urteil des BSG zur Auslegung der Kodierrichtlinien und der Operationskataloge) ist die Hi-Flow Brille keine Beatmung im Sinne der DKR. Zum einen, weil die mechanisch verursachte Bewegung von Gasen in die Lunge fehlt. Zum anderen, weil die Hi-Flow Nasenbrille als Atemunterstützung dient. Ergänzend dürfte ein Gutachter des MDK/SMD oder der PKV auch darauf hinweisen, dass die Hi-Flow Nasenbrille eine ausgefeiltere Form der in der DKR 2011 1001 h erwähnten Sauerstoffzufuhr ist. Und bei der steht explizit, dass eine Beatmungsdauer nicht zu verschlüsseln ist.


    Unter gleichsinnig strenger Auslegung kann sogar die CPAP-Atemhilfe als Beatmung im Sinne der DKR 2011 1001h nicht anerkannt werden. Die Argumentation liefe dann in etwa so, dass bei CPAP durch die Beatmungsmaschine ein Druck aufgebaut wird, jedoch nicht mechanisch Gas in die Lunge bewegt wird. Dies veranlasse und verursache das so behandelte Neu- und Frühgeborene selbst.


    Berücksichtigung findet im G-DRG System 2011 (Handbuch, Band 5, Seite 949) lediglich der OPS-Schlüssel 8-711.00 (Atemunterstützung mit kontinuierlichem positiven Atemwegsdruck (CPAP) - bei Neugeborenen bis 28. Lebenstag) und 8-720 (Sauerstoffzufuhr bei Neugeborenen, Dauer >4 Stunden). 8-711.00 steuert P65A-B, P66A-B und P67A-B. 8-720 steuert P65C, P67B-C.


    Folgerichtig wäre in Ihrem Fall - unter der Voraussetzung, dass das Kind zuvor nicht maschinell beatmet worden ist -
    - die Beatmungszeit 0 (Null) und
    - die anzuwendenden OPS-Schlüssel 8-711.00 sowie 8-711.4.
    Wahrscheinlich - Sie beschreiben dies nicht - kommt auch der OPS-Schlüssel 8-720 zu Tragen (beurteilt auf Basis meiner klinischen Erfahrungen).
    Der OPS-Schlüssel 8-711.4 ist im G-DRG System 2011 nicht gruppierungsrelevant.


    Aus dem Blickwinkel eines Kinderarztes mit Berücksichtigung der Aufwendungen (damit Kosten) sind diese Regelungen meines Erachtens nach Blödsinn. Welcher offensichtlich daraus resultiert, dass man keine Differenzierung der Beatmungsdauer nach Invasivität vornehmen kann oder will. Der Aufwand bei einem Kind mit CPAP und Hi-Flow-Nasenbrille ist deutlich höher als bei einem derart nicht behandelten Kind. Dem gegenüber ist der Aufwand bei einem kontrolliert beatmeten Kind (z.B. SIMV, SIPPV) noch höher. In der Neonatologie ist seit längerer Zeit die Entwicklung zu beobachten die Invasivität der Beatmung zurück zu nehmen. Weniger um das liebe Geld des Gesundheitsfonds und der Kostenträger zu sparen, sondern um die beatmungsassoziierten Schädigungen der unreifen Lungen der Kinder zu vermindern. Der insbesondere personelle Behandlungs- und Betreuungsaufwand vermindert sich hierbei in deutlich geringerem Aufwand als wie durch das gegenwärtige G-DRG 2011 System nahegelegt wird. Dies spricht nicht für die Abbildungsgenauigkeit des Systems in punkto Behandlungsrealität, unbesehen davon wie toll die Varianzreduktion in Form des R-Quadrats in den InEK-Kalkulationen ausfällt. Eine indirekte Berücksichtigung beispielsweise über den Punkt Beatmung im modifizierten SAPS2-TISS10 System (Intensivmedizinische Komplexbehandlung Erwachsene [OPS 8-980.-], erweitert und modifiziert auch Kinder [OPS 8-98d.-]) findet nicht statt, da diese Schlüssel erst ab dem 14. Lebensjahr bzw. ab dem 29. Lebenstag zum Einsatz kommen dürfen. In Summe eine nicht kleine Baustelle für die Gesellschaft für Pädiatrische Neonatologie und Intensivmedizin (GNPI) und das InEK.


    Hoffe die Infos können helfen. Letzter Absatz bei kritischen Rückfragen oder Zweifeln aus der Neonatologie zu verwenden.


    Grüße / schönes Wochenende

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    Dr. med. A. Christaras
    FA Kinder- & Jugendmedizin

  • Hallo Herr Dr. Christaras,
    erstmal vielen Dank für ihre Antwort. Jetzt kommt natürlich die nächste Frage:


    a.Was genau passiert physikalisch bei der High-Flow- Nasenbrille?
    wie ist hierzu die Unterscheidung zur Sauerstoffgabe zu sehen?


    es ist schwierig, zu differenzieren, aber warum ist die "High-Flow"und im gleichen Atemzug die "Sauerstoffgabe" eben nicht "ein Vorgang bei dem Gase mittels einer mechanischen Vorrichtung in die Lunge bewegt werden?"


    Ich wundere mich, dass GKind im neuen Leitfaden 2011 keine Stellungnahme zu dem Problem bezieht.


    Vielen Dank einstweilen, schöne Grüße aus München

  • Hallo kk010410,


    aus dem Urlaub - damit kurz und ohne Gewähr (Substantiierung durch Literatur):
    Beides (8-720 und 8-711.4) benötigt nur einen Druckminderer, kein mechanisches Gerät zu Bewegung von Volumina (=Beatmungsgerät).
    HiFlow-Nasenbrille = Flussgeschwindigkeit z. T. deutlich höher als bei O2-Vorlage.
    An den "eierigen" Aussagen können Sie ersehen, dass die Trennschärfe der DKR-Defintion a) arbiträr ist und) b) nicht sehr trennscharf hinsichtlich des Aufwands.
    Es steht aber nun mal so in den DKR und nach BSG muss man sich scharf daran halten.
    Wenn die Neonatologen zur Erzielung von 8-711.4 "mechanische Geräte" im Sinne der DKR nutzen - Klagen und Entscheidung mit Breitenwirkung herbei führen.
    Hätte mein Haus eine Pädiatrie und Neonatologie - ich würde so verfahren.


    Gruß aus dem Rheinland

    --------------------------------------------------------------------------------
    Dr. med. A. Christaras
    FA Kinder- & Jugendmedizin

  • Hallo Herr Dr. Christaras,


    vielen Dank einstweilen für Ihre Ausführungen zu diesem Thema, nächste Woche bin
    ich in einem DRG- Update Seminar für 2012, speziell für die Pädiatrie.
    Da werd ich die Problematik noch mal thematisieren. Vielleicht mit neuen Erkenntnissen, wenn Sie mögen, informiere ich Sie gerne
    darüber.
    Grüße aus München

  • Einen wunderschönen guten Morgen,


    da die "High Flow- Brille" lediglich eine art Sauerstoffbrille ist und somit kein geschlossenes System, wird es nicht als invasive Beatmung anerkannt. Wir haben das auch schon vesucht... :P


    Ich weiß das die High Flow Brille im Bereich der Neonatologie als "Beatmungsform" angesehen wird, da hier mit Überdruck Sauerstoff in die Lunge geschickt wird. Dazu gibt es aber weder klinische Studien noch entsprechende Fachliteratur, zumindest nach Aussage meiner Neonatologen.


    Soweit ich weiss können Sie die entsprechenden OPS Schlüssel kodieren, aber nicht die "Beatmungsstunden". Es sei denn sie haben die Sauerstoffbrille an einer Babylog angeschlossen und einen Peep eingestellt.


    Grüße aus Mönchengladbach


    T.Bestgen

    T.Bestgen


    Medzincontrolling


    Städtische Kliniken Mönchengladbach GmbH

  • Liebe Kolleginnen und Kollegen,
    gibt es inzwischen eine zwischen InEK und DIMDI konsentierte Stellungnahme, ob die HFNC Beatmung 8-711.4 zur Beatmungsdauer gezählt wird oder nicht oder müssen wir uns der SEG 4, Nr. 524 "unterwerfen"?
    Gruß

    Dr.Gerhard Fischer
    Medizincontroller/Frauenarzt