PEPP-Zukunft

  • Hallo,


    fangen wir mal hinten an:

    Trotzdem möchte ich nun noch einmal Ihrer Polemik begegnen, die ich nicht teilen kann.

    Einen Beitrag zu einer Diskussion, auch wenn sie engagiert sein mag, als Polemik zu bezeichnen wenn er nicht der eigenen Meinung entspricht, ist meiner Meinung nach genau dies!



    ABER:
    Sie unterstellen dann, dass der jetzige meiner Meinung nach unglückliche Versuch der Neugestaltung eines Vergütungssystems nur konstruktiv (um-)gestaltet werden kann

    Gleiches gilt, wenn in einer Aufforderung zur konstruktiven Mitarbeit eine Unterstellung gesehen wird.



    Und nun folgern Sie (wie leider immer schon) pauschal, dass diejenigen, die dem neuen Entgeltsystem nicht aufgeschlossen gegenübertreten, eine naive, weltfremde Rückwärtsgewandtheit und fehlender ökonomischer Verstand angelastet werden kann.

    Ich kann leider in keinem meiner Beiträge finden, dass ich jemanden als naiv oder rückwärts gewandt bezeichnet oder fehlenden ökonomische Verstand unterstellt hätte, schon gar nicht pauschal. Ich wünsche den Krankenhäusern gerne, dass sie alle aus ihrerer Sicht erforderlichen personellen und strukturellen Ressourcen finanziert bekommen. Meine sehr langjährige Erfahrung im deutschen Gesundheitssystem und dem Krankenhauswesen sagen mir jedoch, dass hier auch noch andere Player mitreden werden wollen. Mag sein, dass im Zuge einer möglichen Konkretisierung des Konzepts ich zu einer anderen Interpretation komme. Doch im Moment lese ich aus den zentralen Punkten des Papieres eine Forderung heraus, an deren Umsetzung ich nicht glaube. Natürlich kann man es dennoch fordern, aber daran zu glauben, dass es auch tatsächlich unverändert so kommen könnte, ist etwas anderes.


    Ich könnte jetzt für jeden Ihrer Punkte um eine Konkretisierung oder konkrete Beispiele für die einzelnen pauschalen Aussagen bitten.


    Es ist unbestritten, dass jedes Entgeltsystem Anreize bietet. Die von Ihnen aufgeführten Regionalbudgets zum Beispiel bieten oft einen erheblichen Anreiz, die Patienten gar nicht erst stationär aufzunehmen. Das wird in den Modellprojekten oft als Erfolg dargestellt. Aber abgesehen davon, dass auch dort einmal Patienten aus finanziellen Erwägungen ambulant behandelt werden könnten, die eigentlich einer stationäre Behandlung bedürften: Manche Klinikleiter von Modellprojektkliniken berichten ganz stolz, wie viele ihre Patienten sie jetzt kostengünstiger ambulant behandeln und wie viele Stationen sie schon geschlossen haben, bei gleichbleibendem Budget. Was glauben Sie, wie lange machen das die Kassen wohl mit?


    Blutige Entlassung, Rosinenpickerei, warten auf Wiederaufnahme; dies alles wurde bereits im DRG System befürchtet und kam in weit geringerem Ausmaß, als gedacht (nein, damit sage ich nicht, dass es das gar nicht gäbe!). Noch einmal: jedes Entgeltsystem hat seine Anreize. Doch ob die Anreize die medizinische Einschätzung und Behandlung beeinflussen, liegt in der Verantwortung der Behandler und Kliniken. Von deren medizinischer und moralischer Integrität habe ich scheinbar eine bessere Meinung, als diejenigen, die in den Anreizen eine Gefahr der medizinischen Versorgung sehen. Bei allen Problemen des DRG-Systems: Wir haben auch dort trotz der Fallpauschalen sicherlich kein Problem einer Unterversorgung (eher einer Überversorgung, aber wenn man sich die kritischen Bereiche (z.B. Wirbelsäule, TEP) im Vergleich mit dem Rest anschaut, ist das auch eher gering).


    Denn auch das Konzept der Fachverbände wird Anreize haben ebenso wie es die bisherige Vergütung über Pflegesätze bot. In den psychiatrischen Kliniken, die ich kenne, waren in Sitzungen auch früher schon Auslastung und Belegungstage genau so ein Thema, wie es zukünftig die Bewertungsrelationen sein werden. Und es wurde sehr genau darauf geachtet, die Budgetvorgaben zu erfüllen.


    Die Dokumentationsanforderungen sind unbestritten, wenngleich meine Erfahrung zeigt, dass sich der Mehraufwand bei einem eingespielten Dokumentations- und Kodierprozess und mit Softwareunterstützung (OK, meist mit Optimierungspotential) in Grenzen halten lässt. Soweit der OPS in seiner Ausgestaltung kritisiert wird, kann ich in Teilen zustimmen. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass die Fachgesellschaften maßgeblich an der Entwicklung und Weiterentwicklung des OPS beteiligt sind und die Idee der Komplex-OPS für diesen Bereich sicherlich keine alleinige Idee eines DIMDI oder InEK Mitarbeiters war. Ich bin allerdings - vielleicht meiner Historie geschuldet - nun kein pauschaler Gegner des OPS als Abbildung medizinischer Leistungen, nur weil ich mit der konkreten Ausgestaltung bestimmter OPS unzufrieden bin. Hier ist sicherlich Bedarf, einiges über Bord zu werfen was mit Sicherheit keinen Eingang ins System finden wird und statt dessen vielleicht einzelne ausgewählte zentrale Leistungen spezifisch zu kodieren. Ich höre dann aber auch schon die Aufschreie, dass bestimmte Leistungen dann ja gar nicht mehr abgebildet werden könnten.


    Es bleibt jedoch dabei: Ein Anspruch auf Vergütung von Leistungen auf der einen Seite bedingt einen Anspruch auf Nachweis dieser Leistungen auf der anderen Seite. Wenn man ein leistungsorientiertes Vergütungssystem möchte (das ist bisher die gesetzliche Vorgabe), ist auch Dokumentation erforderlich. Und auch im Konzept der Fachgesellschaften werden die dort vorgeschlagenen Kriterien selbstverständlich irgendwie dokumentiert und nachgewiesen werden müssen.


    Ich warte mal entspannt ab, wie es weitergeht. PEPP ist nicht mein Leben. Ich sehe lediglich ein gewisses Potential darin und glaube nicht, dass es besser wird, wenn man das bisher Erreichte aufgibt und mit einem anderen System wieder von vorne anfängt. In der konkreten Ausgestaltung als Entgeltsystem werden auch dann viele Kritiken, die sich jetzt gegen PEPP richten wieder hervorkommen, weil sie eben nicht PEPP-abhängig sondern grundsätzlich sind. Aber das ist nur meine persönliche Einschätzung.


    Gruß

  • Vielen Dank, GW, für Ihren ausführlichen und vor allem sachlichen Beitrag!
    Gruß
    GenS

  • Zunächst möchte ich allen danken, für die sehr kritische Auseinandersetzung, welche sicherlich für viele eine Bereicherung ist. Danke!!


    Bzgl. der Dokumentation möchte ich gerne kurz meine Meinung äußern. Die mitunter heftigste Kritik kommt hier meinem Erleben nach aus Richtung der Ärzteschaft. Nach meinem Empfinden liegt hier nicht eine systembedingte Mehrdokumentation vor, sondern die Dokumentation wird nun auf ein Level gehoben, welches schon länger geschuldet wäre. Verweisen möchte ich hierzu nur auf die Berufsordnung der Ärzte und die §630d-h BGB. In der Vergangenheit und auch aktuell noch, wird eine meist nur rudimentäre Dokumentation toleriert, in dem irrigen Glauben damit mehr Zeit am Patienten zu haben. In wie weit das der Realität in den einzelnen Kliniken entsprechen möchte, dass soll jeder für sich beurteilen, ich erlebe häufig diesen Effekt nicht. Eine ordentliche und vollständige Dokumentation bedeutet doch eine Steigerung der Qualität für den Patienten, für die Klinik und angesichts steigender Nachweisansprüche, auch eine höhere Rechtssicherheit der Organisation Krankenhaus.


    MfG
    klauss

  • Guten Morgen,


    ich darf noch einen Aspekt hinzufügen:
    Eines der zentralen Argumente für das PEPP System war und ist die vorgebliche Leistungstransparenz.
    Diese ist jedoch eine Illusion. Kaum jemand dürfte durch die nun vorhandenen Kodierung von Leistungen in die Lage versetzt werden, wirklich zu verstehen, worin die Leistung der Psychiatrie besteht. Das entstandene System hat mit enormem Aufwand die ohnehin naheliegende Erkenntnis gebracht, dass der Beginn der Behandlung etwas mehr kostet als die Weiterbehandlung und das die Betreuung der Patienten mit hohem Personalaufwand teurer ist als die Betreuung mit weniger Personalaufwand. Und nun?


    Eine Transparenz, die die tatsächlichen Leistungen auch nur für eine Minderheit nachvollziehbar machen würde, ist nicht gegeben. Im Gegenteil: Das System ist so kompliziert, dass nicht mal für die Fachleute nachvollziehbar ist, was eigentlich wirklich passiert. Ob die Dokumentation inhaltlich besser wird, ist auch nur eine Vermutung, die niemand wirklich untersucht hat.


    Alle Berufsgruppen haben sich an der Verkomplizierung des Systems beteiligt und haben dabei gegen die laufend geäußerten Warnungen des INEK verstoßen, nur, um sich selbst darstellen zu können. Diesen Unfug baden die Praktiker vor Ort aus. Ob das an der Versorgungsqualität für bestimmte Subgruppen etwas verschlechtert hat, ist völlig unklar, nicht erforscht und bleibt somit bloße Behauptung.


    Das praktische Ergebnis ist ein bürokratisches System, in dem sich Behandlungsabläufe den Kodiererfordernissen anpassen und nicht umgekehrt. Hinzu kommt eine von den Kassen initiierte MDK-Aktivität, die in dieser Form in der Psychiatrie bisher unbekannt war und die dann erst im Ergebnis einen ökonomischen Druck mit sich bringt. Darunter müssen aber zunächst die Krankenhäuser und nicht die Patienten leiden, weil im Ergebnis wieder retrospektiv bereits erbrachte Leistungen aberkannt werden.


    Es mag sein, dass dies dazu führt, dass künftig auch prospektiv auf Leistungen verzichtet wird, das Prüfverhalten der Kostenträger wird sich aber durch solches Entgegenkommen nur verlagern, nicht aber vermindern lassen. Insofern dürfte eine solche Verringerung von Leistungen in der Praxis nur wenig an der Versorgung ändern. Gerade die von Kritikern geforderte Schonung der "Schwächsten" ist hier sicher belanglos, da die "Schwächsten" vermutlich auch die mit dem sichersten Behandlungsbedarf sein dürften.


    Zusammenfassung:


    • Transparenz durch PEPP ist eine Illusion
    • Die Kritik am System auf Grundlage der Versorgungswirklichkeit der Patienten ist nicht substantiiert und geht am derzeit zentralen Problem vorbei
    • Das derzeit aus meiner bescheidenen Sicht zentrale Problem ist die bürokratisch Überfrachtung und Komplexität des Systems, welches die Leistungen vom Patienten weg führt und durch die Kostenträger im Detail angreifbar ist.

    Gruß


    merguet

  • Hallo Herr Merguet,


    ich kann ihre Kritik zum größten Teil teilen. Was mir fehlt ist allerdings die Perspektive (oder ist da eine gewisse Resignation herauszulesen?)


    Wenn ich aus Ihrer Kritik die relevanten Stichpunkte betrachte, die ich mal mit Tranparenz, Komplexität und Aufwand beschreiben würde, dann sehe ich hier in erster Linie eine Kritik an den OPS. Denn letztenendes hängt die Transparenz an der Leistungsbeschreibung und auch die Komplexität und der Aufwand sind durch für mich durch Überfrachtung und gutgemeinte, aber zu wortreiche und unganaue Definitionen bedingt.


    Mein Vorschlag wäre weiterhin die Reduzierung der OPS auf relevante, klar definierte, einzelne Leistungen (z.B. Psychotherapie, Ergotherapie) im Sinne einer Leistungsabbildung statt einer Leistungsdefinition durch unendliche Mindestmermale und der subsumierung jedglicher erdenklicher Personalbindungszeit in so genannten Therapieeinheiten.


    Das wäre einfacher (Leistung --> OPS) in Kodierung und Dokumentation und durch die Beschränkung auf einzelne definierte und medizinisch zentrale Leistungen sowohl transparenter als auch einfacher zu prüfen/belegen.


    Ein Restaufwand wird immer bleiben, abhängig vom gewünschten Ausmaß an Transparenz und Leistungsgerechtigkeit.


    Gruß

  • Hallo,


    die Antwort der Bundesregierung auf die "Kleine Anfrage" von Bündnis 90/DIE GRÜNEN, die bereits am vergangenen Freitag, den 15.01.2016 erteilt wurde, wurde heute veröffentlicht. Diese Bundestags-Drucksache 18/7281 finden Sie hier.


    Wie erwartet wird in wesentlichen Teilen der Antworten auf den noch laufenden, ergebnisoffen geführten "strukturierten Dialog" des Bundesministeriums für Gesundheit abgestellt. Die nächste Sitzung des strukturierten Dialogs ist für das erste Quartal des Jahres 2016 vorgesehen.


    Ich wünsche ein schönes Wochenende.



    MfG,


    ck-pku

  • Guten Morgen,


    hier finden Sie eine sehr gelungene Darstellung der "PEPP-Grouper-Logik 2016" nebst dazugehörige Excel-Tabelle für den Bereich vollstationäre Psychiatrie der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie/MH Hannover.


    Vielen Dank an Bernhard Häring und Marc Kutschis für die wertvolle Mühe! :thumbsup:



    MfG,


    ck-pku

  • Guten Tag,


    der LVR-Klinikverbund, zu dem auch PEPP-Optionshäuser gehören, warnt hier nach ersten Erfahrungen mit dem Entgeltsystem für psychiatrische und psychosomatische Kliniken (PEPP) vor dessen flächendeckender Einführung. Lesen Sie dazu auch hier.



    MfG,


    ck-pku

  • Herzlichen Dank für die Informationen,


    leider ist aus diesen Berichten nicht zu erkennen, auf welchen Erkenntnissen und Daten die dort gewonnen Fakten gründen. Die genannte Kritik ist hinlänglich bekannt und so wenig substanziell.


    HG
    klauss

  • Guten Morgen,


    ein weiteres großes Optionshaus, das Psychiatrisches Zentrum Nordbaden, spricht sich über die Geschäftsführerin Frau Anett Rose-Losert hier klar gegen PEPP aus.


    Ähnlich äußert sich ein weiterer großer Frühoptierer, die Charité (Campus Mitte) Berlin, über seinen Direktor Prof. Dr. Dr. Andreas Heinz.


    An der geäußerten PEPP-Kritik selbst ist inhaltlich nichts neu, neu ist aber, dass sich immer mehr systemrelevante Praktiker klar gegen PEPP positionieren, die selbst mit am längsten PEPP-Erfahrungen in der alltäglichen Anwendung gemacht haben und die negative Entwicklung für Patienten daher am besten aus erster Hand beurteilen können!


    Ich wünsche ein schönes Wochenende.



    MfG,


    ck-pku

  • Hallo,


    und vielen Dank für die aktuellen Infos!


    Schade nur, dass viele systemrelevante Praktiker keine Ahnung vom PEPP-System zu haben scheinen und Argumente auffahren, die nicht stichhaltig sind.
    Andere Aspekte bleiben leider völlig außen vor. Z.B. die Unmöglichkeit, die komplexen Abrechnungsregeln von PEPP in der Praxis umzusetzen.
    Zu nennen wären z.B. die Fallzusammenfassung über den Jahreswechsel, ET und ZP, mehrteilige Fallzusammenfassungen usw.
    Es soll große psychiatrische Kliniken geben, die seit Monaten nicht abrechnen können, weil entweder ihr KIS-Anbieter oder die Kassen oder beide mit den
    PEPP-Fällen nicht zurechtkommen.
    So kann natürlich auch auf einen Abbau von Betten hingearbeitet werden... ;(


    Viele Grüße - NV