Volksabstimmung Keine Profite mit Krankenhäusern

  • Hallo zusammen,

    Da ich hierzu an anderer Stelle noch nichts gefunden habe, starte ich hier mal ein neues Thema:


    Die Initiative „Bunte Kittel“ hat in den letzten Monaten bundesweit Unterschriften zur Vorbereitung einer Volksabstimmung zur Bundestagswahl für eine bedarfsgerechte, wohnortnahe Krankenhausplanung und gegen den Abfluss von Profiten aus Krankenhäusern gesammelt. Im Interesse von Patientinnen und Beschäftigen soll Medizin wieder vor Ökonomie kommen, fordert u.a. der marburger bund und ruft zur Unterstützung auf.

    Wer sich über die Kampagne informieren möchte, kann dies hier tun:


    https://www.openpetition.de/pe…chvorprofit#petition-main

    Mit freundlichen Grüßen

    Breitmeier

  • Hört sich prinzipiell toll an, je mehr und realer ich darüber nachdenke frage ich mich wer denn die Kliniken übernimmt/bezahlt/aushält die von den Aktiengesellschaften und Ihren "Investoren" dann verlassen wurden, weil es nichts mehr aus dem System auszuwringen gibt?

    Habe aber leider wenig Ahnung von den politischen und ökonomischen Gründen die es erst soweit haben kommen lassen, dass aus der medizinischen Versorgung von Menschen Nebenbeteiligte Profit schlagen dürfen.


    MfG

    rokka

  • ...ach ja und wohin mit den ganzen Ärzten (und anderen Berufsgruppen) die aktuell Vollzeit im Administrativen Bereich, Fortbildungsbereich oder Prüfungsbereich aufgrund des DRG-Systems unterwegs sind...


    rokka

  • Danke Rokka,

    für die Einleitung. Ja was machen die Kollegen des MD, des Medizincontrolling und die Prüfer der KK, wenn man das System abschafft in einer neuen Reform? Die nächste Frage die ich mir stelle ist, wollen wir wieder ein System der Tagesgleichen Pflegesätze haben? Denn wenn man etwas bemerken darf ist es die kontinuierliche durchschnittlich Verweildauersenkung durch das System. Das man hier auch übermäßig daran gefeilt hat, ist auch den Protagonisten und Therapiebeteiligten im Krankenhaus zu verdanken. Aber warum wollen wir ein System zum xten male Reformieren um dann wieder eine Reform der Reform zu erzeugen. Wenn und das sollte eine Forderung sein, die Länder und der Bund Ihrer Verpflichtung zur Investitionsfinanzierung in Substanz und Ausbau der Kliniken einmal gänzlich nachkommen würden und das Sparbuch nicht nur befüllen, dann bräuchte es keiner AG oder anderer die Gewinn mit Stellenabbau und Tariflosen Arbeitsverhältnissen machen um Gewinne an Aktionäre und Geldgeber auszahlen müssen. Aber auch muss man sich Fragen was sind wir bereit zu geben an Steuern um eine Versorgung Vorort bezahlen zu können? Oder was können wir an Möglichkeiten schaffen mit Grenzüberschreitenden Handeln und zwar die Grenzen zwischen Ambulant, Stationär und Reha. Können wir hier mehr "gewinnen" an Versorgung wenn man diese Schranken aufhebt? Oder müssen diese Sektoren weiterhin für sich abgeschottet bleiben und man darf nur im kleinen Grenzverkehr diese überschreiten ? Gesundheitspolitik ist nichts für Feiglinge, denn man macht sich schon mit Gedanken Feinde.

    8) Stefan Schulz, Med. Controlling

  • Datenquelle:

    Statistisches Bundesamt.

    Datengeneration onsite 20210729 0503 CEST

    Selektoren:

    Zeit jede, durchschnittliche VWD in Tagen


    1991 14,0 kein DRG

    1994 11,9 kein DRG

    1995 11,4 FP/SE

    2001 9,4 FP/SE

    2004 8,7 G-DRG

    2009 8,0 G-DRG

    2014 7,4 G-DRG

    2019 7,2 G-DRG


    Differenzen

    1991 > 2004 -5,3 Tage

    2004 > 2019 -1,5 Tage


    Korrelativ (Kausalität ist nicht ableitbar)

    G-DRG Effekt auf die µVD knapp 3-mal kleiner als der Effekt von NICHT-G-DRG (5,3 vs. 1,5 Tage)

    Das deutet auf andere einflussnehmende Faktoren hin (beweist oder widerlegt sie nicht).


    --------------------------------------------------------------------------------
    Dr. med. A. Christaras
    FA Kinder- & Jugendmedizin

  • Hallo,


    der Effekt des DRG-Systems auf die Verweildauer ist in der Tat nicht signifikant.


    Das Problem ist jedoch ein anderes:

    Die Behandlungskosten korrelieren nicht gut mit der Verweildauer. Ein Fall mit Schenkelhalsfraktur z. B. würde bei tagesgleichen Pflegesätzen mehr erlösen, als einer mit Polytrauma, der trotz aufwendiger Versorgung nach einigen Tagen verstirbt. Selbst wenn die Intensivbehandlung differenziert würde, blieben noch entsprechende Beispiele. Das wäre zwar im einzelnen Krankenhaus egal, weil die Erlöse die Kosten insgesamt ausgleichen, aber bei den Kostenträgern würde es wegen der unterschiedlichen Mitgliederstruktur hinsichtlich der Risiken und Behandlungsaufwände zu einer Schieflage kommen. Das ist überhaupt der Grund, warum unser DRG-System (im Gegensatz zu anderen Ländern) so differenziert und als Einzelfallvergütung entwickelt wurde. So lange es keine Einheitskasse gibt, wollen die einzelnen Kassen ihre Fälle auch nur entsprechend des jeweiligen Kostenaufwandes vergüten, und da kommt man um eine Berücksichtigung der Leistung nicht herum.


    Dem DRG-System bzw. Fallpauschalen die Schuld an allen tatsächlichen oder gefühlten Missständen zu geben, halte ich sowieso nicht für zielführend. Immer wenn Geld fließt, gibt es Anreize und Fehlanreize und Geld muss in jedem System fließen. Und jedes System - selbst ein komplett staatliches Gesundheitssystem - muss wirtschaftlich arbeiten, weil die Ressourcen und der Betrag, der für Gesundheitsversorgung ausgegeben werden kann, begrenzt sind. Auch ein kommunales Krankenhaus kann nicht dauerhaft von der Kommune (=Steuerzahler) subventioniert werden.


    Ich bin auch kein Fan der privaten Krankenhausträger und dem Entzug von Mitteln aus dem Gesundheitssystem für Renditen und Befriedigung der Shareholder. Die wirtschaftliche Orientierung und der Einstieg privater Investoren in die Krankenhausversorgung war in den 90er Jahren politisch gewünscht (und ist es bei den meisten Parteien heute noch), weil man sich durch die Finanzkraft der Konzerne und den Wettbewerb einen Entwicklungsschub versprach. Viele Kommunen waren auch froh, ihr defizitäres Krankenhaus an einen privaten Träger loszuwerden, der erst einmal investiert hat, auch wenn diese Investition sich dann durch spätere Renditen bezahlt machen mussten. Wer Krankenhäuser noch aus den 90er Jahren von innen kennt, der wird vielleicht zustimmen, dass sich seither vor allem im Hinblick auf Bausubstanz, Ausstattung und Komfort, aber selbst bei der Patientenorientierung einiges getan hat. Natürlich wäre dies in erster Linie Aufgabe der Länder gewesen und die fehlenden Investitionsmittel halte auch ich für die wesentliche Ursache vieler der kritisierten Probleme.


    Die Abschaffung des DRG-Systems, ein Verbot von Renditen oder gar die Rekommunalisierung der privaten Kliniken wird die meisten Probleme nicht lösen und neue schaffen.

  • Danke A_Christaras für den Hinweis und die Zahlen. Nun gut die Verweildauer ist ein nicht so prägnantes Beispiel:/

    8) Stefan Schulz, Med. Controlling

  • ... für eine bedarfsgerechte, wohnortnahe Krankenhausplanung und gegen den Abfluss von Profiten aus Krankenhäusern

    Hallo,


    das sind hier zwei ganz unterschiedliche Themen, die hier in einer Unterschriftenaktion gesammelt werden. Mag ja lobenswert in Zeiten von anstehenden Wahlen sein, aber m.E. nicht zielführend. Die Frage ist dann auch, wieviel Staat wünschen wir uns bei der Planung der Krankenhausstruktur und Finanzierung? Gehen wir dann auch konform mit staatlichen Reformen wie z.B. in Dänemark? Dort gibt es (lt. staatlichem Gesundheitssystem) auch eine bedarfsgerechte, wohnortnahe Versorgung! Nur unterscheidet sich diese komplett von unseren Vorstellungen in Deutschland, mit vielen (kleinen) Krankenhäusern in jeder Ecke des Landkreises, möglichst alle noch mit Geburtshilfe und Geriatrie. Oder gehen wir alle mit der Idee zu wenigen Zentren und einer abgespeckten Grundversorgung in der Fläche?

    Wenn die Initiative darauf abzielt, jedes kleine Krankenhaus um die Ecke zu erhalten, dann kann ich nur dem zweiten Teil zustimmen.


    Gruß

    zakspeed

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