Einfluß auf die Medizintechnik

  • Hallo zusammen :look:,


    ich bin neu in diesem Forum. Als BA-Student habe ich die Aufgabe erhalten, mögliche Einflüsse auf die Medizintechnik durch die Einführung des DRG-Systems herauszufinden.


    Nachdem ich mich in den letzten beiden Monaten nun intensiv mit diesem Thema beschäftigt habe, möchte ich nun Sie bitten Ihre Erfahrungen aus der Praxis an mich weiterzugeben.:look:

  • Hallo BA-Student,


    damit Sie hier genaueres erfahren, müßte man schon wissen, was im Detail für Sie von Interesse ist. Daß die DRG-Einführung die KH unter einen großen ökonomischen Druck bringt, daß damit vielleicht weniger (noch weniger) Geld für Investitionen bereitgestellt werden kann, daß damit die Medizingeräte-Industrie Absatzprobleme hat, daß so etwas vielleicht durchschlägt auf die Entwicklungsabteilungen, daß andere Finanzierungsmodelle notwendig sind - das alles ist doch ohnehin klar, oder?



    --
    Gruß aus DU


    Dr. med. Andreas Sander
    Stabsstelle MedCo/QM
    Evangelisches und Johanniter Klinikum DU/DIN/OB gGmbH

    Gruß aus DU
    Dr. med. Andreas Sander
    Evangelisches und Johanniter
    Klinikum Niederrhein
  • Hallo Herr Dr. Sander,


    mich interessiert es insbesonders inwieweit bestimmte Technologein wie zum Beispiel ND:Yag Laser mit dem DRG-System abgerechnet werden können. Vorstellbar wäre es ja, dass bestimmte medizinische Ausrüstungen vom deutschen Markt verschwinden könnten, da sie mit dem DRG-System nicht mehr abgerechnet werden können und deshalb kein Anreiz mehr für die Krankenhäuser besteht, dementsprechendes zu kaufen.


    Auf der anderen Seite gibt es bestimmt auch Technologien, die durch das DRG-System mehr zum Standard werden.


    Ich würde mich freuen, wenn Sie mir dazu Ihre Gedanken schildern könnten.


    Gruß und vielen Dank


    BA-Student

  • Guten Abend, zusammen,


    ich stimme Herrn Sander zu, das Problem lässt sich aber m. E. nicht auf diese eine Kausalkette beschränken. Ich will mal versuchen, die Sichtweise etwas anders darzustellen:


    Nehmen wir an, es gebe eine medizintechnische Innovation (Gerät, Verfahren, neues Einsatzgebiet, etc.). Das ist zwar schön, bringt per se aber zunächst gar nix. Es werden Studien nötig sein, um Effektivität und Effizienz der Neuerung zu evaluieren, resp. objektivieren. Diese Studien erfolgen meist zunächst in Universitätsklinika (ich vermute, weil dort die nötigen Gelder, Personalressourcen, Kontakte, die zukünfigen Nutznießer der Innovation (gemeinhin als Patienten bezeichnet) und das notwendige Know-How konzentriert sind). Die Ergebnisse solcher Studien geben anfangs eher eine Auskunft über die Effektivität der Neuerung. Dann beginnt das Stadium der Werbekampagnen, resp. der fortbildungsgetriggerten "Unters-Ärztevolk-Streuung". Der schiere Nutzen kann ja mit den Studienergebnissen zu Recht begründet werden. Mit etwas Glück folgen dann auch Effizienzstudien, die zeigen sollen zu welchem Preis dieser Nutzen zu haben ist. Steht dieser fest, heißt das aber noch lange nicht, dass der Preis auch bezahlt werden wird. Möglicherweise kommt es noch zu Modellversuchen, die eine Einsparung unzweifelhaft belegen. Vor die Kohle, hat U.S. aber ja noch den Gemeinsamen Bundesausschuss gestellt, der nochmals alles prüft und abwägt, bevor die Innovation dann für - als von den Krankenkassen i. R. einer zweckmäßigen und kostenadäquaten zu bezahlenden Medizin - die Breitenanwendung ihren Einsatz zeitigen darf. Eine Innovation ist ja dadurch gekennzeichnet, dass Entwicklungsarbeit und -kosten sowie Gehirnschmalz drinstecken. Hier ist die Industrie ja schon in Vorleistung getreten, wenn auch nicht ganz uneigennützig. Für diese viele Vorarbeit, die ja Geld kostet, will die Industrie dann auch Geld zurück haben. Und das zahlen die Nutzer der Innovation, also KH, Ärzte (über ihre Anschaffungs-Investitionen), aber eigentlich die Patienten oder besser die sozialversicherten Bürger (via Krankenkassenbeitrag).


    Die Krankenhaäuser bekommen ihr Geld üblicherweise aus zwei "Töpfen" (Betriebseinnahmen und Fördermittel) = duale Finanzierung. An beiden Töpfen nagt der Pleitegeier, an den Betriebseinnahmen wegen der DRG-Pauschalbeträge, an den Fördermitteln, weil die Länder wegen der konjunkturellen, sagen wir Unpässlichkeit, gerade etwas klamm sind. Die DRGs führen dazu, dass die Krankenhäuser zusehen müssen, die eigenen Kosten durch verbesserte Abläufe und Einsparungen zu drücken, um mit den pauschalen Erlösen noch zurechtzukommen. Die größten Kostenblöcke sind bekanntermaßen ja Personal und med. Sachmittelbedarf (--> zuerst also den Medizincontroller und die Chefärzte entlassen, das passt schoa...). Die Fördermittel (wer in drei Teufels Namen, hat Fördermittel erfunden ? Wo gibt es das ausser beim Steinkohlebergbau und in der Landwirtschaft noch ? Wie heißen die dort noch gleich, Sanktionen, Symbiosen oder Subventionen...) nehmen im Volumen seit vielen Jahren ab. Man hätte es also merken können. Das Blöde ist nur, dass man hinterher immer schlauer ist. Ergo und weitergesponnen: Fördermittel ganz weg, bleiben die Betriebseinnahmen (= 1 Topf = monistische Finanzierung). Da bewegen wir uns hin. Und weil die Patienten diese Betriebseinnahmen nicht direkt an die Krankenhäuser, sondern mittelbar über ihre Vertretung, die Krankenkassen, leisten, wird es dazu kommen, dass dieses Geldgeber-Monopol über kurz oder lang sagen wird (eigentlich haben sie es schon gesagt): "Äh, also, wenn wir das zahlen sollen, dann wollen wir auch die Planungshoheit für Krankenhäuser haben, damit wir nur das finanzieren müssen, was auch nötig ist". Und wenn sie das geschafft haben, werden sie sagen: "Und äh, nochmal wir, also mit dem Preis für die DRG "X00Z" sind wir bei euch in Pusemuckel aber nicht so ganz einverstanden, Unna hat uns diegleiche Leistung bei besserer Qualität (s. fiktiven Qualitätsbericht) für die Hälfte angeboten." Dann sind wir beim Einkaufsmodell... (das, soweit mir bekannt, so ca. ab 2006 erwünscht ist...) Was ich damit sagen will ? Ab dem nächsten Jahr wird hinter den Kullissen so etwas von einem Feuersturm des Kostenwettbewerbs losbrechen, dass einem Angst und Bange werden kann. Die kommenden 2-3 Jahre gilt es zu überstehen ("Markt"bereinigungsphase). Dann sind strategische Fehler tödlich. Und wenn ihr Krankenhaus tod ist, brauchen Sie sich auch keine Gedanken mehr über medizintechnische Neuerungen zu machen ;-) Es sei denn, Sie gehen - mit dem angesprochenen Neodym-Yag-Laser bewaffnet - auf Jagd nach einer Rezidivpolyposis im maxillo-ethmoidalen Winkel oder an der Rhinobasis jeweils im ambulanten Bereich und fangen an zu wildern. Dies ist ja gewünscht, um schon einmal (und womöglich sinnvollerweise) unser mehrsäuliges Gesundheitswesen zu unterminieren. So, Spaß beiseite.


    Fazit: In den kommenden Jahren werden es Neuerungen m. E. schwer haben, "auf den Markt zu kommen". Das wird die Hersteller auch tangieren (ggf. BVMed anfragen). Danach geht`s wieder etwas aufwärts. Denn: Man kann den Fortschritt nicht aufhalten und sollte es (in diesem Falle) auch nicht versuchen. Stellen Sie sich vor: In 20 Jahren sind Sie selber Patient und würden einfordern, gemäß State-of-the-art behandelt zu werden... Was State-of-the-art dann ist, bestimmen allerdings Sie, wenn Sie wählen gehen (keine Angst davor, ist wie Lotto spielen).




    Übrigens:
    >> Auf der anderen Seite gibt es bestimmt auch Technologien, die durch das DRG-System mehr zum Standard werden.


    Vielleicht die hoch bezahlte Berater-Technologie ?? :-))
    Wieso also nicht ? Alles, was bezahlt wird, wird Standard werden. Wenn Plus um die Ecke Ihnen 30 EUR in die Hand drücken würde, weil Sie dort einkaufen, gehen Sie doch auch nicht mehr zum Stüssgen oder zum Penny-Markt.


    Bisher entwickelt sich das DRG-System nach meinem Dafürhalten auf Basis etablierter Behandlungen, also aus der Retrospektive. Aber es ist ja noch soooo jung.
    Krankenhäuser müssen zusehen, wo sie Geld herkriegen ! Fundraising, andere alternative Finanzierungsquellen, zwei Hüft-TEPs zum Preis einer halben, etc.


    S`häuser und wie er die Welt sah.


    Gruß
    B. Sommerhäuser

  • Hallo herr Sommerhäuser,


    vielen dank für den intimen Einblick/Vision der Weltsicht eines Admins zum Thema Innovation und DRG.


    Können wir uns medizintechnische Innovationen zukünftig noch leisten? (Patient, Klinik, Krankenkasse)


    Wenn wir das gedeckelte DRG-Budgetsystem ab 2005 betrachten (floatender Basisfallwert)bleibt eigentlich kaum Platz für neue kostenintensive Innovationen.


    Politisches Ziel der DRGs ist es ja die Kostenträger nicht noch weiter zu belasten sondern die Effizienz und Effiktivitätsreserven im System zu wecken (BMGS oder ähnliche Theoretiker).


    Teuere Innovationen, die vielleicht etwas mehr Lebensqualität versprechen oder sogar Folgebehandlungen herauszögern oder vermeiden sind aus reiner DRG-Logik unerwünscht. (Blos nicht mit volkswirtschaftlichen Argumenten kommen)


    Fakt ist, das die Kliniken Innovationen benötigen, die preiswerter als die bestehenden Verfahren sind und zudem wirksamer therapieren.
    (Eierlegende Wollmichsau).
    In der Realität werden dei Kliniken gezwungen, die "negativen Deckungsbeiträge" für eine Innovations-DRG aus den anderen Behandlungserlösen zu erwirtschaften (Pathways, Prozessoptimierungen).
    Der einsetzende Wettbewerb um den Patienten könnte jedoch die Kliniken zwingen, Innovationen anzubieten.
    Die Industrie wird den mündigen Patienten dazu bringen Ihre innovativen Produkte schmackhaft zu machen und damit vielleicht sogar die Klinikwahl zu beinflussen.


    Konkret auf die Nachfrage vom BA-Student:
    Die neue §6 Abs 2. KHentG Regelung zur Abrechnung der neuen Untersuchungs-und Behandlungsmethoden kann bereits dieses Jahr klinikindividuell für 2005 beantragt werden. Leider fehlen bisher die Empfehlungen für die Kalkulation und Vergütung (SV-Bundesebene)dieser Innovationsvergütungen.§ 9Abs.1 Nr 4 KHEntgG

  • Guten Abend,

    Zitat


    Original von Friend:
    [...]
    Der einsetzende Wettbewerb um den Patienten könnte jedoch die Kliniken zwingen, Innovationen anzubieten.
    [...]


    Ein wichtiger Punkt, den ich genauso sehe. Dennoch, wir schielen m. E. zu unausgewogen auf die Kostenseite. Man sollte - mit Kreativität - die Einnahmeseite nicht vernachlässigen.


    Zur Ergänzung für BA-Student:
    http://www.forum-medtech-pharm…ruktur_10_03/Programm.htm


    falls Sie Zeit haben...



    Gruß
    B. Sommerhäuser

  • Hallo,


    da sie ja nun ihre Diplomarbeit (Einfluss DRG-System) auf Investitionsverhalten abgeschlossen haben, hätte ich großes Interess an dieser. Ich bin Account Manager bei einer Medizintechnikfirma beschäftigt - daher wäre ich ihnen dankbar, wenn Sie mir einen kurzen Hinweis geben könnten, wie ich an Ihre Arbeit komme. Vielen Dank.