Kongenitale Infektionen

  • Hallo liebes Forum,


    in der Suchfunktion habe ich nichts gefunden, daher versuche ich\'s mal so: Ich bin etwas verwirrt, was die Kodierung von Embryopathien durch Infektionen der Mutter betrifft.


    Zum einen gibt es die P00.2 (Schädigung/Tod des Feten/Neugeborenen durch Infektion der Mutter ohne Manifestation der Krankheit beim Feten/NG). Da hätte ich jetzt vermutet, dass die zum Einsatz kommt, wenn unter der Schwangerschaft eine Infektion mit z. B. Rötelnvirus, Toxoplasmen, Varizellen, Zytomegalievirus und anderen teratogenen Erregern auftritt und das Kind fehlgebildet zur Welt kommt.


    Dann wiederum gibt es die P35.0, die sowohl die Rötelnembryopathie als auch die kongenitale Rötelnpneumonie beinhaltet - hier ist also sowohl die Fruchtschädigung als auch die Infektion des Neugeborenen in einem Code drin.


    Gibt es da irgendwo Richtlinien für? Habe da weder in den DKR noch in Kodierleitfäden der Pädiater was finden können...


    Danke und Gruß aus dem frühlingshaften Ulm,
    Tim Pietzcker

    Dr. Tim Pietzcker
    Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie
    Universitätsklinikum Ulm

  • Hallo Herr Pietzcker,


    „eine Schädigung des Feten ohne daß die Erkrankung beim Feten in Erscheinung tritt“, das muß man sich erst mal auf der Zunge zegehen lassen, steht aber tatsächlich in den „Inklusiva“. Das ist ja nur so vorstellbar, daß es z. B. zu einer ausgeprägten Plazentainsuffizienz kommt, und damit das Kind indirekt geschädigt wird.


    Die von Ihnen genannten Embryopathien sind aber sicher Ausdruck einer direkten Schädigung des Kindes durch den Erreger, somit besser in P35 bzw. P37 aufgehoben.


    Schöne Grüße an meine alte Heimat, sieht man heute die Münsterspitze?


    M. Kratz

  • Hallo Herr Kratz,


    vielen Dank! Da bleibt ja wirklich nicht vieles, was man mit der P00.2 noch kodieren könnte...oder?


    Mein Zimmer geht vom Eselsberg nach Norden raus, da habe ich wenig Chancen auf Münsterblick, aber so von der Großwetterlage her würde ich mal tippen, dass der Nebel heute eher licht ist :sonne:


    Viele Grüße,
    Tim Pietzcker

    Dr. Tim Pietzcker
    Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie
    Universitätsklinikum Ulm

  • Zitat


    Original von mkratz:
    „eine Schädigung des Feten ohne daß die Erkrankung beim Feten in Erscheinung tritt“, das muß man sich erst mal auf der Zunge zegehen lassen, steht aber tatsächlich in den „Inklusiva“. Das ist ja nur so vorstellbar, daß es z. B. zu einer ausgeprägten Plazentainsuffizienz kommt, und damit das Kind indirekt geschädigt wird.


    Hallo Herr Kratz,


    bei der Rötelnembryopathie z.B. führt doch die intauterine Infektion zu dem Fehlbildungssyndrom, ohne dass das Kind bei Geburt die Rötelninfektion zeigt. Wieso kann man diese Situation Ihrer Meinung nach nicht mit dem zitierten Inklusivum bezeichnen?

    Mit freundlichen Grüßen

    D. D. Selter

    Ärztlicher Leiter Medizincontrolling

    Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau

  • Hallo Herr Selter,


    die Rötelnembryopathie des Feten / Neugeborenen ist eben Ausdruck der akuten Infektion des Kindes. Erkennbar auch daran, daß die Diagnosestellung auf einem direkten Erregernachweis des Röteln-Virus via PCR z .B aus Rachenspülwasser des Kindes beruht. Auch der Nachweis von spezifischen Ig M – Antikörpern beim Kind ist spezifisch für eine Erkrankung des Kindes, da diese Antikörper nicht diaplazentar von der Mutter auf das Kind übertragen werden können, also eine eigene Immunantwort des Ungeborenen auf die Infektion darstellen.


    So banal die Symptome beim Schulkind oder Erwachsenen auch sind, umso fürchterlicher ist die Erkrankung leider bei einer intrauterinen Infektion des Kindes (daher auch die öffentliche Impfempfehlung). Dieses gilt analog für die Toxoplasmose, die Varizellenembryopathie und die konnatale Cytomegalie-Infektion (und noch einige weitere).


    Eine klinische Diagnose, die die Bedingungen der P00.2 erfüllt, ist schlechterdings schwer vorstellbar.


    Sonnige Grüße, M. Kratz

  • Hallo Herr Kratz,


    ich hatte gedacht, dass hier die eigentliche Erkrankung gemeint war (z.B. Röteln) und nicht auch die Folgeerscheinungen im Sinne des Fehlbildungssyndroms. Hier sind aber auch die Manifestationen angesprochen.
    Ich habe diesbezüglich mit Dr. Schopen vom DIMDI gesprochen. Ein Beispiel für die Anwendung des Kodes ist uns nicht spontan eingefallen. Dieser Kode würde eher weniger zur Anwendung kommen.
    Für die von Ihnen beschriebene Situation der Plazentainsuffizienz gibt es übrigens einen eigenen Kode: P02.2 Morpholog. funkt. Plazentaanomalie sonst. u. onA (Schädigung Fetus u. Neugeb.).

    Mit freundlichen Grüßen

    D. D. Selter

    Ärztlicher Leiter Medizincontrolling

    Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau

  • Zitat


    Original von Selter:


    Ich habe diesbezüglich mit Dr. Schopen vom DIMDI gesprochen. Ein Beispiel für die Anwendung des Kodes ist uns nicht spontan eingefallen. Dieser Kode würde eher weniger zur Anwendung kommen.


    Hallo Herr Selter,


    vielen Dank für Ihr Engagement in der Sache (Dank auch an Herrn Kratz)! Könnten Sie zur Sicherheit nochmal konkretisieren, welchen Code Sie jetzt meinen, der eher weniger zur Anwendung kommt? P00.2, oder?


    Verwirrte Grüße,
    Tim Pietzcker

    Dr. Tim Pietzcker
    Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie
    Universitätsklinikum Ulm

  • Hallo,


    P00.2 war gemeint. Für Ihr Beispiel ist die P35.0 zu kodieren.


    Entwirrter Gruß zurück

    Mit freundlichen Grüßen

    D. D. Selter

    Ärztlicher Leiter Medizincontrolling

    Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau

  • Guten Abend,


    wir haben hier einen 30-jährigen jungen Mann mit schwerer Multibehinderung, u.a. blind und taub und sehr unruhig, zur Behandlung der Unruhezustände stationär aufgenommen.


    Wie ist da die richtige Diagnosestellung? P35.0 bedeutet ja ausdrücklich Versorgung des Neugeborenen und lässt sich so nicht vertreten.


    B06.0 erscheint mir auch nicht richtig, da der Mann ja keine Röteln hat.


    F07.8 erscheint mir am logischsten, aber da sind dann die Röteln nicht mit drin.


    Es muss doch einen spezifischen Code für diese (durchausleider nicht unbekannte) pathologische Entität geben?? Finde aber im Kodip nichts und auch nicht im systematischen Verzeichnis, weder unter F07.* noch unter Röteln.


    Hat jemand eine Idee?


    Vielen Dank!

    OKIDOCI 8)

  • Hallo okidoci,


    ...zur Behandlung der Unruhezustände stationär aufgenommen...


    Also müssten Sie doch dort fündig werden (Symptombehandlung). Die Röteln werden Sie sicher nicht mehr behandeln, sind also irrelevant.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. med. Roland Balling

    Chirurg
    Medizincontroller
    "Ärztliches Qualitätsmanagement"
    Chirurgische Klinik, 82229 Seefeld