Clinical Coder

  • Hallo NG, sehr geehrter Herr Selter,


    (ich denke, ich darf mal einen neuen thread anfangen, "Nicht"-Kodierrichtlinie DKR 0042 passt nicht mehr so ganz)


    dass das DRG-System in seiner ganzen Tragweite erkannt wurde, kann man wohl kaum sagen.


    Jetzt flächendeckend Coder einzustellen, halte ich für eine der dümmstmöglichen Varianten. Wir würden diesen Berufszweig nie wieder los werden. Er würde sich selbst unersetzlich machen. Er wäre ungedeckelt, die Ärzte würden unter dem Deckel bleiben.


    Das, wofür ein Grouper z. B. 2 Millisekunden bräuchte, nämlich aufgrund der aktuellen Liste von Diagnosen und Prozeduren eine DRG anzeigen, würde der Herr Kodierer irgendwann nach der Entlassung des Patienten erledigen, gebeugt über einen Stapel Krankenunterlagen.


    Zugegeben, so haben es uns die Amerikaner vorgemacht und die Verwaltungsausgaben von ca 5 auf 25 % heraufgeschraubt. Belesen Sie sich, auch über das völlig unnütze System des peer review, welches die amerikanischen Krankenversicherer zur Kontrolle der clinical coder aufgebaut haben.


    Zugegeben, so machten es uns die Australier vor, dort weigerten sich die Krankenhausärzte zunächst zu kodieren, also wurden auf Kosten ihres Stellenplans Coder eingestellt.


    Müssen wir denn alle Fehler nachmachen??


    Ein Refined-DRG-System kann n i e m a n d auswendig lernen. Kein Coder und kein Arzt. Ein Refined-DRG-System ist ein C o m p u t e r p r o g r a m m. Punkt.


    Aber es kann offengelegt werden. Interaktiv. Wenn Sie so wollen "spielerisch". Wir müssen hier ein *Verfahren* implementieren, keine Regeln auswendig lernen. Ich weigere mich, meine ärztlichen Kollegen mit Kodierregeln zu belästigen. Bereits die Allgemeinen DKR sind überflüssig, die speziellen werden eine Katastrophe sein, davon bin ich überzeugt.


    Diejenigen Ärzte, die es wagen, selbst zu denken, verzichten sowieso großzügig auf die Lektüre solcher Vorschriften, das muss doch denen, die laufend neues Papier verteilen, irgendwann einmal auffallen, oder wohl eher nicht?


    In Amerika und in Australien dienten die Coding standards vornehmlich der Schulung von clinical codern, weil diese die ärztlichen Unterlagen nicht unbedingt immer richtig interpretieren können. Aber man muß doch Ärzten nicht erklären, was sie dokumentieren müssen! Das tun die doch schon immer, das ist für Ärzte doch selbstverständlich. Und genau diese klinischen Selbstverständlichkeiten sind es, mit denen man den Grouper füttern kann. Medizin! Keine Ökonomie!!


    Wir haben bei DRGs genau zwei Möglichkeiten: Die teure und die billige.


    Teuer ist es, zu warten, alles allen erklären zu wollen, alle Eventualitäten im Voraus kennen wollen, seine angeblichen Pfründe sichern wollen, alles im Nachhinein kontrollieren wollen.


    Billig (und effizient) ist es, keine Zeit zu verlieren, jetzt zu handeln, die Regeln zentral dem Grouper mitzuteilen, den Grouper dann zu verteilen und dezentral allen Ärzten zugänglich zu machen, die Daten bei ihrer Entstehung zu erfassen und auf Plausibilität zu prüfen, die Verantwortung hierfür dem Arzt und die Kontrolle im Regelfall seinem Vorgesetzten und zusätzlich dem Patienten zu überlassen (http://www.drg-forum.freewebspace.com/jacob.htm), die Daten zentral anonymisiert für die nächste "Runde" (s. Australien) auszuwerten und hiermit das Verfahren zu verfeinern.
    Jetzt handeln heißt aber auch, im Hinblick auf ein gut funktionierendes DRG-System manchen inzwischen gewohnten Unsinn oder manche jetzt plötzlich unbedingt gleichzeitig auch noch parallel neu eingeführte Regelungen zu stoppen, damit man die Kräfte bündeln kann. Aber was macht Deutschland? Alle alten Zöpfe werden belassen und die neue Frisur soll trotzdem perfekt werden. Der BMG-Entwurf für ein DRG-Gesetz ist da wohl symptomatisch. Von "nichts `ne Ahnung", keine Spur von einem "großen Wurf", von "der Revolution im Krankenhauswesen", aber schon mal ein paar Halbsätze und Wörter an den einschlägigen Gesetzen streichen, abändern oder ergänzen. Der Begriff "DRG" kommt überwiegend in Absätzen über Ausnahmen vom DRG-System vor... (ich gebe zu, dass dies jetzt etwas pauschal geurteilt war; ein Verzicht auf Bürokratie ist für mich allerdings nicht erkennbar).
    Nun noch ein paar direkte Antworten auf ihren Beitrag (in Anführungszeichen).


    "Was halten Sie denn von der Einrichtung des professionellen Kodierers? "
    Nichts, s. o.


    "Ärzte sind mit diesem Ausblick immer zu motivieren, sprich, sie dokumentieren ihre Leistungen, Diagnosen usw. in der Akte und werden mit den Kodieraufgaben nicht mehr belastet. Ich habe noch von keinem Arzt gehört, dass er so jemanden in seiner Klinik nicht sehen will."
    Jetzt kennen Sie einen. Die von Ihnen genannten Ärzte haben offenbar noch nie mit einem guten EDV-System gearbeitet und lieben es offenbar, Akten, Briefe und Befunde zu suchen, auf Formulare immer und immerwieder die gleiche Fragestellung und Diagnose zu schreiben, ganz abgesehen von so Selbstverständlichkeiten, wie Personalien, Station, Zimmernummer, Datum und Arztname dauernd zu wiederholen.


    "Spielen wir doch mal das Szenario durch, dass es keine Deckelung mehr geben wird."
    Dann könnte man so richtig aus dem Vollen schöpfen, dann hätte ich auch nichts gegen professionelle Kodierer, jeder sollte einen haben...


    "Dann ist es also so, dass eine bestmögliche Kodierung eine maximale Erlösoptimierung erbringt."
    Wenn hochwertige Daten, damit meine ich die Diagnosen und Prozeduren, die ein Arzt sowieso dokumentiert, dem Grouper angeboten werden, gibt es im Regelfall (und nur der Regelfall, nicht die Ausnahme, sollte uns interessieren) keine Probleme mit der Eingruppierung. Wieviel Geld es dann gibt, liegt überhaupt nicht im Einflußbereich des kodierenden Arztes, darüber soll er sich nicht den Kopf zerbrechen. Das können alle Jahre wieder die Spitzenverbände aushandeln, die müssen die resultierende Rationierung dann auch verantworten.


    "Die Ärzteschaft ist mit der Dokumentation nur noch in der Akte betraut und sind deswegen viel mehr Willens Nebendiagnosen, Prozeduren usw. in schriftlicher Form zu dokumentieren."
    Die Ärzte müssen die Dinge dokumentieren, die etwas mit dem Behandlungsverlauf zu tun haben, das hat nichts mit "gutem Willen/Motivation" zu tun, sondern mit Qualität und zielgerichteter Diagnostik und Therapie.


    "Ergebnis:
    Motivierte Ärzte erbringen bestmögliche Dokumentation,..."
    Nicht mehr und nicht weniger dokumentieren, wie schon immer - gute Medizin machen!


    "... ermöglichen dem professionellen Kodierer damit ein optimale Verschlüsslungsausgangslage (welch ein Wort!), dieser kennt alle Regeln in-und-auswendig und sichert somit einerseits eine inhaltlich richtige und daneben maximale Rechnungsstellung."
    Alles nur teure Doppelarbeit, auch der Koder wird nicht ohne Computer auskommen, es fehlt die Rückkopplung an den Arzt, oder wollen Sie dauernd Fallbesprechungen machen? Was ist bei Interpretationsproblemen?


    "Geht man jetzt noch davon aus, dass es diese Leute in ausreichender Anzahl gibt..."
    Weiss ich nicht, wieviele es gibt, und wenn schon, wann man realistischerweise in jedem Krankenhaus einen hätte. Bis dahin wäre auch ein Grouper fertig und dezentral im Einsatz...


    "... und sich deren zusätzlich anfallenden Lohnkosten durch die Abrechnungsoptimierung und Reduzierung der Überstunden der ärztlichen Mitarbeiter amortisieren dann klingt das doch super, oder nicht?"
    Für mich der Horror, aber für manchen medizinischen Dokumentar eine Lebensstellung. Für die Versicherten ein Draufzahlgeschäft, davon wird keiner gesund.


    "Ich sage Ihnen meine Meinung dazu später."
    Ich bin sehr gespannt.


    Viele Grüße
    B. Scholz



    [ Dieser Beitrag wurde von Scholz am 08.06.2001 editiert. ]

    [center] Bernhard Scholz [/center]

  • Da scheint jemand ganz schön an der
    KH-Realität vorbei zu schrammen. Wenn Sie
    behaupten, dass der Arzt im KH heute schon
    richtig kodiert und nur in der Lage versetzt
    werden muss, mit dem richtigen Grouper die
    richtigen Ergebnisse zu erzielen, dann liegen
    Sie hier vollkommen falsch.
    Die Realität sieht nämlich so aus: Seit
    mehreren Jahren arbeite ich als Med.
    Dokumentar (das sind wohl die Leute die Sie
    so verachten) in einem KH. Hier habe ich die
    Einführung der FP/SE erlebt, den Umstieg
    ICD9 auf 10 und V 1.3 auf 2.0. Obwohl geschult
    wurde, Informationsveranstaltungen abgehalten
    wurden. Persönliches Aufklären usw. Resultat,
    die Ärzte wollen über diese Materie nix wissen.
    Ich halte seit mehrere Jahre Seminare ab, die
    sich mit Kodieren, DRGs, Kodierrichtlinien
    usw. befassen. Auch hier habe ich den Eindruck
    das das Thema am liebsten negiert wird.
    Und jetzt kommen Sie daher und appelieren an
    dem guten Willen der Ärzte. Dann wird schon
    alles gut werden. Bei diesem Standpunkt gehen
    die DRGs bestimmt in der Hose.


    Ein sehr erboste Kuypers, Med. Dokumentar
    hkuypers@khwn.de

    Kuypers Hügo, MeDoKu, Waiblingen

  • Hallo Herr Scholz,


    kurz zu Ihrer Einleitung:


    [i]"dass das DRG-System in seiner ganzen Tragweite erkannt wurde, kann man wohl kaum sagen."[i]


    Kann man in diesem Fall wohl, bedeutet nämlich die erlaubte Reduzierung auf das Wesentliche (ich zitiere aus unbekannter Quelle):
    Man wird in Zukunft an seinen Daten, nicht an seinen Taten gemessen!
    (herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle an den Verantwortlichen dieser Redewendung, mein Neid ist Ihnen sicher!)


    [i] "Jetzt flächendeckend Coder einzustellen, halte ich für eine der dümmstmöglichen Varianten. Wir würden diesen Berufszweig nie wieder los werden. Er würde sich selbst unersetzlich machen. Er wäre ungedeckelt, die Ärzte würden unter dem Deckel bleiben."[i]


    Sie haben also auch den Ausführungen von Don Hindle gelauscht!


    [i] "Zugegeben, so haben es uns die Amerikaner vorgemacht und die Verwaltungsausgaben von ca 5 auf 25 % heraufgeschraubt. Belesen Sie sich, auch über das völlig unnütze System des peer review, welches die amerikanischen Krankenversicherer zur Kontrolle der clinical coder aufgebaut haben."[i]


    Der MDK wird sich bestimmt gerne dieser Aufgabe bei uns widmen. In Zukunft wird er sich auch nicht mehr mit uns streiten, warum der einzelne Patient bei uns so lange gelegen hat, sondern er wird uns fragen warum er so kurz gelegen hat und uns das DRG kürzen. Außerdem steigen die Ausgaben der Kassen ihren eigenen Verwaltungsapparat zu erhalten und auszubauen stetig! Dafür brauchen wir nicht erst auf die DRGs zu warten. Übrigens habe ich mich schon vor langer Zeit mit der amerikanischen Struktur auseinandergesetzt und kenne deswegen auch schon seitdem die Kritik an der peer review organisation (Kosten, Qualifikation der Prüfer,...).


    [i] "Müssen wir denn alle Fehler nachmachen??"[i]


    Auch hier höre ich wieder D. Hindle: " Do not repeat our mistakes!"
    Auf der anderen Seite sagte er aber auch, dass die Australier froh sind uns bei der Einführung über die Schulter schauen zu können, um selber zu lernen. Tun wir Ihnen doch den Gefallen. ;)


    [i] "Ein Refined-DRG-System kann n i e m a n d auswendig lernen. Kein Coder und kein Arzt. Ein Refined-DRG-System ist ein C o m p u t e r p r o g r a m m. Punkt."[i]


    Davon war nie die Rede, wobei ich einen Arzt in der Schweiz kenne, den man den `menschlichen Grouper` nennt. Falls Sie letztes Jahr im November auf der 1. Casemix-Konferenz in München waren kennen Sie ihn vielleicht auch. ;)


    [i] "Wir müssen hier ein *Verfahren* implementieren, keine Regeln auswendig lernen. Ich weigere mich, meine ärztlichen Kollegen mit Kodierregeln zu belästigen. Bereits die Allgemeinen DKR sind überflüssig, die speziellen werden eine Katastrophe sein, davon bin ich überzeugt."[i]


    Die Allgemeinen und Speziellen Kodierrichtlinien, unabhängig von Ihrer persönlichen Einstellung und Wertung, werden Verordnungscharakter haben. Da kann man drüber denken wie man will. Ich finde dort auch lachhafte Erklärungen, besonders in dem `Versuch`einer Erklärung, warum gewisse Prozeduren nicht verschlüsselt werden können/sollen.
    Ich rate Ihnen also trotzdem, doch Ihre Kollegen damit zu `belästigen`!


    [i] "Diejenigen Ärzte, die es wagen, selbst zu denken, verzichten sowieso großzügig auf die Lektüre solcher Vorschriften, das muss doch denen, die laufend neues Papier verteilen, irgendwann einmal auffallen, oder wohl eher nicht?"[i]


    Ich hoffe doch, dass der Anteil der selbst denkenden Ärzte bei Ihnen hoch ist, das hilft nicht nur bei der Dokumentation der Leistungen, sondern auch bei der vorausgegangenen Erbringung der Selben!
    Spaß beiseite: Seien wir doch mal ehrlich, der Grund auf Verzicht dieser Lektüre liegt meist nicht im Bereich des auflehnenden Aktionismus, sondern im Bereich Keine-Lust-drauf-Bin-Arzt-Hab-Anderes-Zu-Tun-Bin-Auch-Schon-Weg.
    Ich mache da überhaupt Niemandem einen Vorwurf, diese Einstellung hatte ich früher auch. Mir war es verhältnismäßig Wurscht, ob da jede Leistung oder Diagnose mit dem richtigen Kode verschlüsselt war. Ich hatte unter Umständen seit 33 Stunden nicht mehr geschlafen und gab mich mit den Schlüsseln zufrieden, die am schnellsten im System erschienen und akzeptabel waren (d.h. aber nicht eine genaue Beschreibung).
    Damals war das auch gar nicht so dramatisch, für die Abrechnung hatte es in 99% der Fälle eh keinen Unterschied gemacht, in Zukunft läuft das halt anders. Und das Verlangen nach Datenqualität ist mit meiner Position selbstverständlich dramatisch angestiegen. So ändern sich die Perspektiven....


    [i] "Aber man muß doch Ärzten nicht erklären, was sie dokumentieren müssen! Das tun die doch schon immer, das ist für Ärzte doch selbstverständlich. Und genau diese klinischen Selbstverständlichkeiten sind es, mit denen man den Grouper füttern kann. Medizin! Keine Ökonomie!!"[i]


    Ich kann fast nicht glauben, dass Sie das Ernst meinen!
    Dokumentation bedeutet auch Ihrem Verständnis nach Verschlüsselung nach ICD/OPS, oder nicht? Gerade weil der Codierer ja auch von Ihnen abgelehnt wird.
    Sie kennen doch die FAQ`s von DIMDI. Ich würde dann gerne die Reaktion der Ärzte in Deutschland sehen, wenn da stehen würde: Wir müssen Ihnen doch nicht erklären, was sie dokumentieren müssen!!
    Denken Sie einfach mal an die von der Uni kommenden jungen Kollegen/innen, zumindest die werden Ihnen bestimmt für Informationen diesbezüglich dankbar sein. Gerade was den, von uns schon mehrfach angesprochenen, OPS-301 betrifft!


    [i] "Billig (und effizient) ist es, keine Zeit zu verlieren, jetzt zu handeln, die Regeln zentral dem Grouper mitzuteilen, den Grouper dann zu verteilen und dezentral allen Ärzten zugänglich zu machen, die Daten bei ihrer Entstehung zu erfassen und auf Plausibilität zu prüfen, die Verantwortung hierfür dem Arzt und die Kontrolle im Regelfall seinem Vorgesetzten und zusätzlich dem Patienten zu überlassen (http://www.drg-forum.freewebspace.com/jacob.htm), die Daten zentral anonymisiert für die nächste "Runde" (s. Australien) auszuwerten und hiermit das Verfahren zu verfeinern."[i]


    Wie bitte wollen Sie dem Grouper welche Regeln mitteilen??
    Nur der Arzt kann z.B. korrekt eine Hauptdiagnose festlegen, relevante von nicht relevanten Nebendiagnosen unterscheiden (gemeint sind hier die relevanten ND im Sinne der Kodierrichtlinien, nicht nach CCL).
    Die Auswertungen sind systemimmanent.



    Übrigens teile ich Teil Ihre Meinung bertreff des Berufsbildes ` Codierer`.
    Mir war selbstverständlich klar, dass dies ein rotes Tuch für Sie sein wird, deswegen auch die von mir gewählte Rosa-Sonnenbrille-Beschreibung dieses Szenarios.
    Unabhängig davon, dass es den Codierer gar nicht wirklich gibt, sind sowieso die Ärzte die für die Dokumentation verantwortlich. Die Kodierrichtlinien sagen aber nichts von Verschlüsselung, das können auch andere machen! D.h. wir werden bestimmt an einzelnen KH diese Positionen in Zukunft finden, rechtlich steht dem nichts im Wege und über den Sinn dieser Berufsgruppe wird ja nun mal kontrovers diskutiert. Ich bin z.B. ganz Ihrer Meinung, dass eine suffiziente EDV dem Arzt es ermöglichen soll, seine Dokumentation (auch in Form der Schlüsselkataloge) ohne Schwierigkeiten und Stolperfallen durchzuführen. Gelingt das, so denke ich, ist es nicht erforderlich Codierer einzustellen.
    Was aber ganz bestimmt erforderlich ist, ist die stetige Kontrolle der Datenqualität. Diese Strukturen gilt es zu etablieren, natürlich immer in Zusammenarbeit mit den Datenlieferanten, den Ärzten. Wir beteiligen aber auch die Pflege bei der Datenerhebung mittels ihnen zugeordneten pflegerelevanten Diagnosen (die Eingabe wird trotzdem von den Ärzten durchgeführt). Diese Verfahren wird von allen akzeptiert.


    [i] „Wenn hochwertige Daten, damit meine ich die Diagnosen und Prozeduren, die ein Arzt sowieso dokumentiert, dem Grouper angeboten werden, gibt es im Regelfall (und nur der Regelfall, nicht die Ausnahme, sollte uns interessieren) keine Probleme mit der Eingruppierung. Wieviel Geld es dann gibt, liegt überhaupt nicht im Einflußbereich des kodierenden Arztes, darüber soll er sich nicht den Kopf zerbrechen. Das können alle Jahre wieder die Spitzenverbände aushandeln, die müssen die resultierende Rationierung dann auch verantworten.“[i]


    Der Arzt schreibt mit seiner Dokumentation auch die Rechnung! Die Situation die Sie da beschreiben ist doch das Ziel all unserer Bemühungen und nicht der status quo!


    [i] „Nicht mehr und nicht weniger dokumentieren, wie schon immer - gute Medizin machen!“[i]


    Dann verstehe ich nicht Ihre Position in der von Ihnen erwähnten Form. Sie sagten, dass Sie den Auftrag der Geschäftsführung zur Verbesserung der Datenqualität im Rahmen der DRG-Einführung erhalten haben.
    Wenn also bei Ihnen nicht mehr und nicht weniger als schon immer dokumentiert wird, ist Ihr Auftrag erfüllt oder zumindest frustran .... ;)



    Also, nochmal kurz und sachlich zusammengefaßt:


    Ich teile mit Ihnen den Wunsch nach besserer EDV für Alle. Dummerweise muß man aber meist mit dem auskommen, was man zu diesem Zeitpunkt hat und Verbesserungen werden nicht in Form von Komplett-Lösungen durchgeführt, sondern es wird Flickwerk praktiziert. Bedeutet, nur wenige kuscheln sich in neue Daunedecken, die meisten schlafen unter Patchwork-Decken.


    Codierer sollten die Ausnahme sein, wir kennen die Erfahrungen aus anderen Ländern und sollten sie berücksichtigen. Sie haben sie ja beschrieben.


    Was ich nicht teilen kann, ist Ihre Einstellung zu den Kodierrichtlinien:
    Ich finde dort auch viel Unsinn, es ändert aber nichts an der Tatsache, dass sie vermittelt werden müssen. Davon abgeleitet müssen hausinterne Kodierrichtlinien etabliert werden (Betonung auf h a u s i n t e r n). Ansonsten stehen die Ärzte im Regen. Ich verstehe immer noch nicht, warum Sie der Meinung sind, dass es alleine durch den (vorausgesetzten) gesunden Menschenverstand getan ist. Gerade der ist machmal eher hinderlich bei der Interpretation einiger Kodierrichtlinien.


    Für Dritte, die unserer Diskussion folgen, kann vielleicht der Eindruck entstehen, dass sich da zwei gegenseitig wie beim Skat hochreizen und jeder will unbedingt spielen. Ich finde es jedenfalls informativ und bin, wie schon öfters erwähnt, der Meinung, dass wir uns in unseren Ansichten gar nicht so sehr unterscheiden.


    Schönes DRG-freies Wochenende und Gruß
    D. D. Selter

    Mit freundlichen Grüßen

    D. D. Selter

    Ärztlicher Leiter Medizincontrolling

    Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau

  • Willkommen Herr Kuypers,


    ich freue mich, dass Sie sich in die Diskussion einblendet haben.
    Darf ich Sie so verstehen, dass Sie für die QUALITÄT der Daten und nicht für ihre EINGABE verantwortlich sind?
    Ihre Einschätzung der Motivation der Ärzte bezüglich der Dokumentationsaufgaben (Kodierung und Zunahme des damit verbundenen Aufwandes) kann ich unterstreichen. Auch in meinen Seminaren in ganz Deutschland gab es zu keinem Zeitpunkt Applaus auf offener Szene, als die DRG-immanenten Dokumentationsansprüche verkündet wurden. Auch in unseren Kliniken trägt man mich nicht dafür auf Schultern über die Flure. Letztlich sind wir ja auch erst mal nur die Überbringer: Mein Name ist Hiob, ich habe eine Botschaft....


    Nichtsdestotrotz ist die Wichtigkeit der Dokumentationsqualität verstanden worden, die Umsetzung ist der Teil, der den meisten keinen Spaß machen wird. Deswegen muß es Leute geben die die Qualität überprüfen und mit Rat zur Seite stehen (heißt auch regelmäßige Schulungen, hausinterne Kodierrichtlinien, Rückkoppelung, ....). So läuft es bei uns und ich denke, Sie erfüllen eine ähnliche Funktion.
    Bei Ihnen verschlüsseln aber auch die Ärzte oder nicht?


    Über eine kurze Darstellung Ihrer Strukturen würde ich mich freuen.


    Mit freundlichen Grüßen
    D.D.Selter

    Mit freundlichen Grüßen

    D. D. Selter

    Ärztlicher Leiter Medizincontrolling

    Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau

  • In Australien raten Krankenhausmanager von speziellen Kodierern ab. Diese machen mit einem hohen manuellen Aufwand eigentlich nichts anderes, als die handschriftlichen, kaum lesbaren Dokumentationen der Belegärzte, im Grouper zu erfassen. Die Aktenberge die täglich durch das Haus geschoben werden, meist in den Keller zu den Kodierern, sprechen Bände. Heute wünscht man sich in den KH Australiens ein System ohne die Kodierer und eine optimalere EDV-Lösung.

  • Hallo ThomasE,


    Zitat


    Original von ThomasE:
    Heute wünscht man sich in den KH Australiens ein System ohne die Kodierer und eine optimalere EDV-Lösung.


    Da sagen Sie was...letztere wünsche ich mir auch.
    In diesem Sinne


    Liebe Grüße


    B. Sommerhäuser

  • Hallo NG, sehr geehrter Herr Kuypers,


    auf meinen Beitrag über Clinical Coder schrieben Sie:


    "Da scheint jemand ganz schön an der KH-Realität vorbei zu schrammen. Wenn Sie behaupten, dass der Arzt im KH heute schon richtig kodiert und nur in der Lage versetzt werden muss, mit dem richtigen Grouper die richtigen Ergebnisse zu erzielen, dann liegen Sie hier vollkommen falsch."


    Ich hatte geschrieben:


    "In Amerika und in Australien dienten die Coding standards vornehmlich der Schulung von clinical codern, weil diese die ärztlichen Unterlagen nicht unbedingt immer richtig interpretieren können. Aber man muß doch Ärzten nicht erklären, was sie dokumentieren müssen! Das tun die doch schon immer, das ist für Ärzte doch selbstverständlich. Und genau diese klinischen Selbstverständlichkeiten sind es, mit denen man den Grouper füttern kann. Medizin! Keine Ökonomie!!"


    und


    "Wenn hochwertige Daten, damit meine ich die Diagnosen und Prozeduren, die ein Arzt sowieso dokumentiert, dem Grouper angeboten werden, gibt es im Regelfall (und nur der Regelfall, nicht die Ausnahme, sollte uns interessieren) keine Probleme mit der Eingruppierung."


    Es tut mir leid, dass Sie mich hier falsch verstanden haben, aber hier habe ich nun tatsächlich einen Unterschied gemacht zwischen dokumentieren und kodieren. Ich habe nicht geschrieben, "dass der Arzt im KH heute schon richtig kodiert", aber es ist wohl eine Tatsache, dass Ärzte *dokumentieren*, sonst hätten schließlich auch Sie als "Dokumentar" nichts zu *kodieren*.


    Der Code (ICD/OPS-Schlüssel) ist aber doch nur ein Umweg zur DRG und damit zum Geld für die erbrachte Leistung. Etwa so, wie die Telefonnummer ein Umweg zum Telefongesprächspartner ist (war). Erst suchte ich die Nummer mehr oder weniger umständlich heraus, z. B. aus einem Telefonbuch, schrieb sie mir möglicherweise noch auf einen Zettel, damit ich sie nicht vergaß, dann tippte ich sie ins Telefon und wenn ich Glück hatte, hob der Angerufene ab und sprach mit mir.


    Genauso, wie ich heutzutage per Telefonliste im Handy oder am PC nur noch den Namen des Gesprächspartners aufsuche und dann, ohne mich für dessen gespeicherte Telefonnummer zu interessieren, durch Knopfdruck die Verbindung herstelle, würde mir ein vernünftiger, in meine elektronische Patientenakte integrierter Grouper jederzeit auf Knopfdruck das bei den bisher erfaßten Diagnosen und Prozeduren zu erwartende Entgelt anzeigen (s. a. der Beitrag von Patricia Klein zur Motivation der Ärzte und unter "Nicht"-Kodierrichtlinie DKR 0042
    ).


    Das ist schon alles. Nicht mehr und nicht weniger wünsche ich meinen Kollegen im Krankenhaus und in der Arztpraxis oder wie Albert Einstein mal sagte:


    ! "Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden, aber nicht einfacher." !


    Sie schrieben weiter


    "Die Realität sieht nämlich so aus: Seit mehreren Jahren arbeite ich als Med. Dokumentar (das sind wohl die Leute die Sie so verachten) in einem KH. Hier habe ich die Einführung der FP/SE erlebt, den Umstieg ICD9 auf 10 und V 1.3 auf 2.0. Obwohl geschult wurde, Informationsveranstaltungen abgehalten wurden. Persönliches Aufklären usw. Resultat, die Ärzte wollen über diese Materie nix wissen. Ich halte seit mehrere Jahre Seminare ab, die sich mit Kodieren, DRGs, Kodierrichtlinien usw. befassen. Auch hier habe ich den Eindruck das das Thema am liebsten negiert wird."


    Ich verachte Sie selbstverständlich nicht und ich kann Ihre Schilderung sehr wohl nachvollziehen. Warum die Ärzte nichts von Kodieren wissen wollen, ergibt sich m. E. aus dem oben Gesagten und der Umständlichkeit des derzeitigen Verfahrens. Aber haben Sie persönlich denn so eine große Freude daran, medizinische Akten in Kodes umzuformen, wenn Sie feststellen müssen, dass die Versprechung des Gesetzgebers, "das Geld würde der Leistung folgen" am Ende doch nicht eingehalten wird?


    Sie schrieben weiter:


    "Und jetzt kommen Sie daher und appelieren an dem guten Willen der Ärzte. Dann wird schon alles gut werden. Bei diesem Standpunkt gehen die DRGs bestimmt in der Hose. Ein sehr erboste Kuypers, Med. Dokumentar"


    Ich habe überhaupt nicht an den guten Willen der Ärzte appelliert. Wenn, dann appelliere ich schon eher an den Verstand unserer Selbstverwaltung oder wer auch immer eigentlich zuständig ist für die Umsetzung einer leistungsgerechten Vergütung im Gesundheitswesen. Leider sagt ja niemand, wo es längs geht oder dass er die Verantwortung übernehmen will.


    Mit freundlichen Grüßen


    Dr. Bernhard Scholz


    ! Um "vernetzt denken" zu können, braucht Homo sapiens wahrscheinlich einen weiteren Evolutionsschub.
    (Prof. Dr. med. Dr. h. c. Ulrich Kunath in einem Leserbrief zur Pathogenese des Magenulcus im Dt Ärztebl 2001;98:B1270 [Heft 22]) !




    [ Dieser Beitrag wurde von Scholz am 18.06.2001 editiert. ]

    [center] Bernhard Scholz [/center]

  • Sehr geehrter Herr Dr. Scholz, liebe DRG`ler,
    Sie schrieben u.a.:

    Zitat


    Original von Scholz:
    ...Genauso, wie ich heutzutage per Telefonliste im Handy oder am PC nur noch den Namen des Gesprächspartners aufsuche und dann, ohne mich für dessen gespeicherte Telefonnummer zu interessieren, durch Knopfdruck die Verbindung herstelle, würde mir ein vernünftiger, in meine elektronische Patientenakte integrierter Grouper jederzeit auf Knopfdruck das bei den bisher erfaßten Diagnosen und Prozeduren zu erwartende Entgelt anzeigen (s. a. der Beitrag von Patricia Klein zur Motivation der Ärzte).


    Das ist schon alles....


    Ihrer o. näh. bez. Aussage stimme ich zu. Im Alltag geschieht jedoch das unbedingt zu Vermeidende: Der Mensch paßt sich einer unzulänglichen unergonomischen IT-Lösung an und nicht umgekehrt. Eine verwerfliche Situation. EDV ja, aber nicht zum Selbstzweck. Es werden praktikable, weitestgehend mobile Lösungen benötigt, die nicht am "grünen Tisch" entworfen wurden, sondern zuverlässig und praktikabel (Intranet-basiert ?) zur Arbeitserleichterung beitragen. Diese Forderung erfüllt nach meiner (unmaßgeblichen) Kenntnis kein derzeit am Markt vertretener Anbieter. Im Gegenteil, es ist höchstens Stückwerk vorhanden. Da muß dringend etwas passieren. Nur wer soll das machen ? Ich bin dafür, mit engagierten Eigenentwicklungen dazu beizutragen, dass die etablierten Hersteller endlich mal lernen, "wo der Hammer hängen sollte", um es umgangssprachlich zu formulieren. Um zu konkretisieren, bei Ärzten und Pflegern ist mittlerweile genug Know-How vorhanden, um funktionierende und v.a. praktikable Lösungen selbst entwickeln zu können. Furchtbar, dass die etablierten Hersteller 6-stellige Summen (oder mehr !) verlangen (und bekommen) für absolut unausgegorene und unergonomische Programme, die im KH-Echtlauf ihren alpha-Test bestehen sollen. Z.T. mag das an deren Alt-Lasten liegen, zu einem anderen Teil liegt es an Programmierern, die noch nie (unversehrt zumindest) ein Krankenhaus von innen gesehen haben, zu einem weiteren Teil am Anspruch, unbedingt ein umfassendes Portfolio anbieten zu können. In meinen Augen sind das denkbar schlechte Voraussetzungen. "In einer großen Community selber machen", jeder wie er es für richtig hält, danach unter der GPL (GNU Public Licence) die besten Lösungen integrieren und damit die bisherigen Hersteller zu bedrängen, fände ich adäquat. Es gibt ja bisher keine ernstzunehmenden Konkurrenten für eine Handvoll mehr oder weniger "guter" KIS-Hersteller. Leider. Über die IST-Situation könnte ich mich furchtbar aufregen, lasse es aber besser...;-))


    Gruß
    B. Sommerhäuser



    [ Dieser Beitrag wurde von Admin am 17.06.2001 editiert. ]

  • Hallo NG, sehr geehrter Herr Selter,


    Sie schrieben:
    "... die erlaubte Reduzierung auf das Wesentliche (ich zitiere aus unbekannter Quelle): Man wird in Zukunft an seinen Daten, nicht an seinen Taten gemessen! (herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle an den Verantwortlichen dieser Redewendung, mein Neid ist Ihnen sicher!)"


    Das glaube ich erst, wenn es ein zu Beginn der Abrechnungsrunde festgelegtes gleiches Geld für gleiche Daten (oder doch besser Taten?) gibt.


    "Sie haben also auch den Ausführungen von Don Hindle gelauscht!"


    Gelauscht nicht, aber bei irgendeiner Krankenhausgesellschaft auf der Webseite gelesen, für mich hervorragende Denkanstöße. Ist der Don Hindle irgendwie nicht okay oder was meinen Sie mit Ihrer Bemerkung?


    "Der MDK wird sich bestimmt gerne dieser Aufgabe bei uns widmen. In Zukunft wird er sich auch nicht mehr mit uns streiten, warum der einzelne Patient bei uns so lange gelegen hat, sondern er wird uns fragen warum er so kurz gelegen hat und uns das DRG kürzen."


    Gleiches Geld für gleiche Daten? Oder nicht? Oder doch? Oder was denn nun?? Könnte man das vielleicht mal vorher festlegen, bevor man sich die Arbeit mit der Datenübermittlung macht??


    "Außerdem steigen die Ausgaben der Kassen ihren eigenen Verwaltungsapparat zu erhalten und auszubauen stetig! Dafür brauchen wir nicht erst auf die DRGs zu warten."


    Unnötige Bürokratie, davon wird keiner gesund (Zitat aus unbekannter Quelle). Man sollte >Synergieeffekte nutzen< ;-)


    &quot;Übrigens habe ich mich schon vor langer Zeit mit der amerikanischen Struktur auseinandergesetzt und kenne deswegen auch schon seitdem die Kritik an der peer review organisation (Kosten, Qualifikation der Prüfer,...). &quot;Müssen wir denn alle Fehler nachmachen??&quot; Auch hier höre ich wieder D. Hindle: &quot; Do not repeat our mistakes!&quot; Auf der anderen Seite sagte er aber auch, dass die Australier froh sind uns bei der Einführung über die Schulter schauen zu können, um selber zu lernen. Tun wir Ihnen doch den Gefallen.&quot;


    Hier prallen die angelsächsische und die germanisch-preußische Mentalität unbarmherzig aufeinander. Was halten Sie von D. Hindle`s Äußerungen?


    &quot;Die Allgemeinen und Speziellen Kodierrichtlinien, unabhängig von Ihrer persönlichen Einstellung und Wertung, werden Verordnungscharakter haben. Da kann man drüber denken wie man will. Ich finde dort auch lachhafte Erklärungen, besonders in dem `Versuch`einer Erklärung, warum gewisse Prozeduren nicht verschlüsselt werden können/sollen. Ich rate Ihnen also trotzdem, doch Ihre Kollegen damit zu `belästigen`!&quot;


    Entweder, die Kodierregeln geben medizinisch einen Sinn, dann lernt man sie im Prinzip schon im Studium bzw. durch die tägliche Praxis und dann werden sie auch *automatisch* beachtet, oder sie sind das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt werden, Verordnungscharakter hin oder her. Wenn Sie mir das nicht glauben wollen, bitte ich Sie mal bei Gelegenheit, mir einige der zur Zeit für Sie als Arzt geltenden Verordnungen aufzusagen, aber bitte ohne Fehler und auswendig.


    Und wenn die Ärzte sich hier ihre Sachkompetenz durch Verwaltungsbeamte oder -angestellte streitig machen lassen, dann geschieht es ihnen Recht. Apropos Don Hindle: >Der Arzt ist näher an der klinischen Realität< und >Krankenversicherungen versuchen vergeblich, medizinische Probleme mit Verwaltungsvorschriften zu lösen<. Und darin sind wir uns hoffentlich einig: ohne die Mitarbeit der Ärzte geht bei DRGs gar nichts, (zum Leidwesen der Krankenkassen.)


    (...) &quot;der Grund auf Verzicht dieser Lektüre&quot; (... der Kodierregeln...) &quot;liegt meist nicht im Bereich des auflehnenden Aktionismus, sondern im Bereich Keine-Lust-drauf-Bin-Arzt-Hab-Anderes-Zu-Tun-Bin-Auch-Schon-Weg. Ich mache da überhaupt Niemandem einen Vorwurf, diese Einstellung hatte ich früher auch. Mir war es verhältnismäßig Wurscht, ob da jede Leistung oder Diagnose mit dem richtigen Kode verschlüsselt war. Ich hatte unter Umständen seit 33 Stunden nicht mehr geschlafen und gab mich mit den Schlüsseln zufrieden, die am schnellsten im System erschienen und akzeptabel waren (d.h. aber nicht eine genaue Beschreibung). Damals war das auch gar nicht so dramatisch, für die Abrechnung hatte es in 99% der Fälle eh keinen Unterschied gemacht, in Zukunft läuft das halt anders. Und das Verlangen nach Datenqualität ist mit meiner Position selbstverständlich dramatisch angestiegen. So ändern sich die Perspektiven....&quot;


    Über die besonderen Arbeitszeitbedingungen erzählen Sie mir, wie Sie sich denken können, keine Geheimnisse. Bemerkenswert finde ich in diesem Zusammenhang, wie der Ärztetag und der mb gerade die Einführung der DRGs instrumentalisieren, um ihre selbstverschuldeten Sünden der Prä-DRG-Ära zu beichten. Und die DKG erdreistet sich noch, auf ihrer Webseite in einem Brandbrief ans BMG &quot;die bewährten Arbeitszeitregelungen an deutschen Krankenhäusern&quot; zu verteidigen.


    Vielleicht sollte man aber tatsächlich von diesen 33 Stunden Abstand nehmen, denn da hilft auch kein clinical coder weiter. Damit dieser einer geregelten 37,5 Std.-Woche nachgehen kann, soll dann der Assistent nach deswegen (Stellenplankürzung zugunsten des coders) dann 34 Std. Arbeitszeit eine gute medizinische Dokumentation abliefern, da er sonst zusammen mit dem clinical coder noch die 35. und 36. Std. &quot;nachsitzen&quot; muss, um die Dokumentationsversäumnisse des Nachtdienstes auszubessern, schließlich gilt §301 und eine Übermittlungsfrist von 48 h für die Aufnahme- und die Entlassanzeige.


    Jetzt mal auszugsweise, sonst wird es endlos:


    &quot;Dokumentation bedeutet auch Ihrem Verständnis nach Verschlüsselung nach ICD/OPS, oder nicht?&quot;


    Jein, eigentlich interessiert mich mehr die Möglichkeit, mich als Arzt standardisiert so ausdrücken zu können, dass ich alle behandlungsrelevanten Zustände und Vorgänge unmißverständlich aufzeichnen kann. Dieses unabhängig von jeder Abrechnungsoptimierung, aber so, dass es meiner Art, Medizin zu machen, entspricht. Wenn ich &quot;einfache&quot; Medizin mache, will ich mich &quot;einfach&quot; ausdrücken, wenn ich &quot;spezialisierte&quot; Medizin mache, möchte ich mich &quot;spezialisiert&quot; ausdrücken, mache ich &quot;alternative&quot; Medizin, möchte ich mich &quot;alternativ&quot; ausdrücken können. Um dies zu erreichen, müsste der ICD ein wenig, der OPS ein wenig mehr erweitert werden. Es dürfte sogar Redundanz hereinkommen. Ich verstehe nicht, was mir die Kodierregeln vorschreiben sollen.


    Das ganze System ist ja lebendig, es lebt mit denen, die Medizin machen. Es verändert sich laufend, ich brauche also eine Anpassung der Schlüssel, so wie sich das Telefonbuch ändert oder der Fahrplan, so ändern sich die Einzelheiten, die ich dokumentiere. Und weil das niemand voraussehen kann, halte ich Einzelregeln eigentlich für überflüssig, es sei denn einerseits als Anleitung für Nichtärzte oder wenn für Ärzte, dann nur aus ganz wenigen Grundregeln bestehend, die da lauten: Dokumentiere alles, was deiner Meinung nach (wer sollte es sonst entscheiden, wenn nicht der Arzt) *relevant* für Diagnostik, Therapie oder Pflege ist. Ich bin davon überzeugt, dass der Arzt hierdurch automatisch neben der medizinischen auch die wirtschaftliche Relevanz abdecken wird.


    &quot;Sie kennen doch die FAQ`s von DIMDI. Ich würde dann gerne die Reaktion der Ärzte in Deutschland sehen, wenn da stehen würde: Wir müssen Ihnen doch nicht erklären, was sie dokumentieren müssen!!&quot;


    Ich kenne die FAQ`s und ich finde sie oft sehr amüsant. Und ich meine tatsächlich, dass jeder Arzt selber wissen sollte, was er zur Charakterisierung seines individuellen Patienten zu dokumentieren hat. Sonst sollte er lieber noch ein paar Semester länger studieren. Anders ist es, wenn er zwar genau weiß, was er diagnostiziert und getan hat und er dies auch &quot;in Klarschrift&quot; aufgezeichnet hat, aber kein passender Code vorhanden ist. Dann haben wir genau den Fall vorliegen, in dem der Arzt dem DIMDI zu sagen hat, das hier eine Ziffer fehlt, und nicht das DIMDI dem Arzt irgendeine nicht exakt definierte Hilfskonstruktion anbietet. Ich glaube, so habe ich mich in meinen Beiträgen in der DIMDI-NG mehrfach geäußert. Das Auffinden eines vorhandenen Schlüssels sollte allerdings über eine jedem Arzt zugängliche Software ermöglicht werden.


    &quot;Wie bitte wollen Sie dem Grouper welche Regeln mitteilen??&quot;


    Die Regeln, nach denen der Grouper arbeitet, sind im Definitions Manual festgelegt, sie sind eine Abfolge von Ja/Nein-Entscheidungen, ein Algorithmus, ein Computerprogramm. Es besteht durchaus eine Wechselwirkung zwischen Kodierregeln und Grouper, führend ist aber zwangsläufig der Grouper. Hier steckt viel medizinisches, statistisches und kalkulatorisches Wissen drin aber letztlich ist er ein &quot;Blechtrottel&quot;.


    &quot;Nur der Arzt kann z.B. korrekt eine Hauptdiagnose festlegen, relevante von nicht relevanten Nebendiagnosen unterscheiden (gemeint sind hier die relevanten ND im Sinne der Kodierrichtlinien, nicht nach CCL). Die Auswertungen sind systemimmanent.&quot;


    Das der Arzt die Hauptdiagnose festlegt, ist für mich kein Streitpunkt.


    Ich behaupte, dass man einerseits durch Anpassungen am ICD-Schlüssel manche Kodierrichtlinie ersetzen kann (z. B. mehr eigene Schlüsselnummern für nicht relevante anamnestische Angaben oder erneutes Zulassen eines >Z<ustand nach) bzw. dass andererseits der Grouper durch entsprechende Abfragen durchaus in der Lage ist, auch aus umfangreichen Rohdaten die wesentlichen Informationen herauszufiltern, er also relativ fehlertolerant ist.


    &quot;Was aber ganz bestimmt erforderlich ist, ist die stetige Kontrolle der Datenqualität. Diese Strukturen gilt es zu etablieren, natürlich immer in Zusammenarbeit mit den Datenlieferanten, den Ärzten. Wir beteiligen aber auch die Pflege bei der Datenerhebung mittels ihnen zugeordneten pflegerelevanten Diagnosen (die Eingabe wird trotzdem von den Ärzten durchgeführt). Diese Verfahren wird von allen akzeptiert.&quot;


    Ich bin der Meinung, dass es eine gute Sache wäre, jedem Arzt eine Echtzeitkontrolle über das jeweilige Groupingergebnis zur Verfügung zu stellen, integriert in die EPA, dann wird es mit der Datenqualität keine Probleme geben.


    &quot;Dann verstehe ich nicht Ihre Position in der von Ihnen erwähnten Form. Sie sagten, dass Sie den Auftrag der Geschäftsführung zur Verbesserung der Datenqualität im Rahmen der DRG-Einführung erhalten haben. Wenn also bei Ihnen nicht mehr und nicht weniger als schon immer dokumentiert wird, ist Ihr Auftrag erfüllt oder zumindest frustran... &quot;


    Das hat mir zu denken gegeben. Aber eigentlich halte ich unsere Datenqualität gar nicht für so schlecht. Dadurch, dass wir unsere EDV ausgebaut haben, steigen auch die Chancen, von der Papierakte wegzukommen. Mit Ihrem Schlusswort bin ich im Großen und Ganzen zufrieden. Die speziellen Kodierrichtlinien müssen wir ja sowieso noch abwarten, vielleicht decken sie sich ja sogar mit dem gesunden Menschenverstand.



    Mit freundlichen Grüßen


    Dr. Bernhard Scholz

    [center] Bernhard Scholz [/center]

  • Zitat


    Original von Selter:
    Willkommen Herr Kuypers,


    Tut mir leid, das ich erst jetzt antworte, mein Mehl-Server war Zeitweise abgeschaltet. ich freue mich, dass Sie sich in die Diskussion einblendet haben.
    Darf ich Sie so verstehen, dass Sie für die QUALITÄT der Daten und nicht für ihre EINGABE verantwortlich sind?

    Ja das ist richtig, ich kontrolliere die Kodierung der Ärzte, allerdings wird im meiner Abteilung schon die Daten eingegeben &quot;glücklicherweise&quot; nicht von mir sondern miener Assistentin.

    Zitat

    Ihre Einschätzung der Motivation der Ärzte bezüglich der Dokumentationsaufgaben (Kodierung und Zunahme des damit verbundenen Aufwandes) kann ich unterstreichen. Auch in meinen Seminaren in ganz Deutschland gab es zu keinem Zeitpunkt Applaus auf offener Szene, als die DRG-immanenten Dokumentationsansprüche verkündet wurden.

    Klar Applaus habe ich höchstens dann bekommen, wenn ich (was ich auch oft genug tue) sehr kritisch mit den DRGs und ihre Auswirkungen ins Gericht gehe. Dennoch, die Tatsache das sie kommen steht gar nicht mehr zur Debatte. Wir sollten es anpacken so lange wir noch selber was beeinflüssen können. Wenn wir wieder zuwarten, wie es damals bei denn FP/SE oder bei der Umstellung ICD-9 auf 10 geschehen ist, dann beissen uns die Krankenkassen wieder und die Krankenhäuser haben das Nachsehen. Deswegen regt mich dieser (kleinkarierter) Widerstand so uff.

    Zitat

    Auch in unseren Kliniken trägt man mich nicht dafür auf Schultern über die Flure. Letztlich sind wir ja auch erst mal nur die Überbringer: Mein Name ist Hiob, ich habe eine Botschaft....

    Gut, bei mir im KH bin ich der Einzige, der sich einigermassen mit der Kodierung auskennt, den Ärzten geht es wirklich &quot;am A vorbei&quot; und so sieht die Kodierung auch aus. (ich grüsse hiermit Fr. Klein, Sie sprechen mir aus dem Herzen was den OÄ anbelangt)

    Zitat


    Nichtsdestotrotz ist die Wichtigkeit der Dokumentationsqualität verstanden worden, die Umsetzung ist der Teil, der den meisten keinen Spaß machen wird. Deswegen muß es Leute geben die die Qualität überprüfen und mit Rat zur Seite stehen (heißt auch regelmäßige Schulungen, hausinterne Kodierrichtlinien, Rückkoppelung, ....). So läuft es bei uns und ich denke, Sie erfüllen eine ähnliche Funktion.
    Bei Ihnen verschlüsseln aber auch die Ärzte oder nicht?


    Über eine kurze Darstellung Ihrer Strukturen würde ich mich freuen.

    KH mit 369 Betten Grund und RegelVers. Bis auf 2 OÄ interessiert die Geschichte mit der Kodierung niemand. (lass mich raus ich will weg!!!!!). Mehrere Chefärzte die noch heute 2001 nicht wissen, dass es möglich ist mit einem bestimmten Schlüssel Diagnosen anzugeben!!!!
    Assis die stöhnen über die Mehrbelastung (selbstverständlich verstehe ich die Ausführungen von Hr. Scholz, aber sie gehen wirklich an der Realität vorbei)

    Zitat


    Mit freundlichen Grüßen
    D.D.Selter

    Kuypers Hügo, MeDoKu, Waiblingen

  • Hallo Herr Scholz,


    ich war im Urlaub, deswegen die späte und auch kurze Reaktion.

    &quot;Gelauscht nicht, aber bei irgendeiner Krankenhausgesellschaft auf der Webseite gelesen, für mich hervorragende Denkanstöße. Ist der Don Hindle irgendwie nicht okay oder was meinen Sie mit Ihrer Bemerkung?&quot;


    und


    &quot;Hier prallen die angelsächsische und die germanisch-preußische Mentalität unbarmherzig aufeinander. Was halten Sie von D. Hindle`s Äußerungen?&quot;


    Ich halte D. Hindle für einen sehr kompetenten Mann und habe von ihm bis jetzt noch nichts gehört, was ich kritisieren wollte/würde/könnte.
    Außerdem ist er unterhaltsam.



    &quot;Ich bin der Meinung, dass es eine gute Sache wäre, jedem Arzt eine Echtzeitkontrolle über das jeweilige Groupingergebnis zur Verfügung zu stellen, integriert in die EPA, dann wird es mit der Datenqualität keine Probleme geben.&quot;


    Wir diskutieren im Moment auch intern über mögliche Grouperzugänge für Ärzte. Ich habe mir noch nicht abschließend eine Meinung gebildet, ob das wirklich so sinnvoll ist. Wenn die Ärzte in der von Ihnen geforderten Form dokumentieren würden, könnte man sich diesen zusätzlichen Schritt doch sparen oder nicht? Sie haben doch auch mehrfach geäußert, dass die Ärzte Medizin betreiben sollen und nicht immer mehr Zeit für die &quot;Rechnung&quot; verbringen müssen.
    Selbstverständlich müssen regelmäßig DRG-Informationen an die einzelnen Abteilungen gegeben werden, dann aber auch mit allen wichtigen Inhalten (DRGs, CMI, Schweregradverteilung, Nebendiagnosen, CCL>1 Anteil usw.)Aber, wie gesagt, meine Meinung ist noch formbar.


    Für mehr ist heute leider keine Zeit.


    Mit freundlichen Grüßen
    D. D. Selter

    Mit freundlichen Grüßen

    D. D. Selter

    Ärztlicher Leiter Medizincontrolling

    Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau

  • Hallo Herr Selter,


    &quot;Ich halte D. Hindle für einen sehr kompetenten Mann und habe von ihm bis jetzt noch nichts gehört, was ich kritisieren wollte/würde/könnte.
    Außerdem ist er unterhaltsam.&quot;


    z. B. http://ftp.qut.edu.au/pub/units/PUB380/dragon/dragman.txt


    Nette Simulation unter DOS.


    Mit freundlichen Grüßen


    B. Scholz

    [center] Bernhard Scholz [/center]