Klinikum Bremerhaven mit Defizit von zehn Millionen Euro





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Klinikum Bremerhaven mit Defizit von zehn Millionen Euro

Sparzwang für Krankenhäuser: Kinder heilen lohnt sich nicht (TAZ).



Das Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide hat im vergangenen Jahr ein Defizit von zehn Millionen Euro erwirtschaftet, in Gefahr ist dabei besonders die stark defizitäre Kinderklinik.



Klinikum Reinkenheide: Kinderklinik-Schließung in Bremerhaven droht trotz medizinischer Unterversorgung

Bremerhaven, 22.07.2026 09:00 Uhr

Die Nordsee-Zeitung hatte zuerst über Gerüchte berichtet, wonach dem Aufsichtsrat eine Schließung der Kinderklinik vorgeschlagen werden solle.

Die Klinikgesellschaft hat dies bislang weder bestätigt noch dementiert und spricht stattdessen von einem umfassenden Sanierungskonzept, das alle Bereiche einbeziehe.

Welche weiteren Fachbereiche defizitär sind, will das Klinikum aus Sorge vor Verunsicherung der Patient:innen nicht öffentlich machen.

Bundesweit wurde zwischen 1991 und 2023 etwa ein Drittel der Kinderbetten in Krankenhäusern abgebaut, dieser Trend hält an.

Kinderstationen gelten als besonders personalintensiv und komplex, mit rund 500 verschiedenen Fallpauschalen gegenüber etwa 200 in der Erwachsenenmedizin.

Rund 80 Prozent der Fälle sind akute Notfälle, wodurch die Belegung saisonal stark schwankt und vor allem im Sommer Defizite entstehen.

Die geplante Krankenhausreform sieht zusätzliche Vorhaltepauschalen vor, damit die Grundversorgung auch bei geringerer Bettenauslastung finanziert wird.

Die ersten Schritte dazu greifen erst ab kommendem Jahr, die vollständige Umstellung ist erst für 2030 vorgesehen.

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin hatte gewarnt, die künftigen Pauschalen seien falsch berechnet und ließen bestimmte Leistungsgruppen für Kinder unberücksichtigt.

Bremerhaven gilt seit Juli mit einem Versorgungsgrad von 67 Prozent offiziell als medizinisch unterversorgt, in der 118.000-Einwohner-Stadt praktizieren nur noch neun Kinderärzt:innen.

Die Kinderklinik war erst 2020 nach Reinkenheide verlegt worden, nachdem die privaten Ameos-Kliniken das defizitäre Geschäft aufgegeben hatten.

2024 wurde mit rund zwölf Millionen Euro Investitionsmitteln von Land und Kommune ein Neubau für die Pädiatrie in Reinkenheide errichtet.

Aktuell verfügt die Klinik über 32 Betten, im vergangenen Jahr gab es 1.700 Behandlungen.

Bei einer Schließung müssten Kinder ins 45 Kilometer entfernte Cuxhaven oder ins rund 50 Kilometer entfernte Klinikum Bremen-Nord ausweichen.

Bremerhavens Bürgermeister und Kämmerer Torsten Neuhoff (CDU) stellt klar, eine Schließung einzelner Abteilungen sei grundsätzlich nicht vom Gesellschaftszweck des gemeinnützigen Klinikums gedeckt.

Seitens der politischen Gremien bestehe derzeit kein Interesse an einer Schließung der Pädiatrie.

Neuhoff war bis April Aufsichtsratsvorsitzender und trat nach einem Streit mit dem kaufmännischen Geschäftsführer zurück, dem er vorwarf, das finanzielle Risiko der Stadt statt dem Klinikum selbst aufzubürden.

Zum bestehenden Defizit kommt nun das bundesweite Sparpaket hinzu, das den Kliniken zusätzliche Einnahmen entziehen dürfte.

Das Klinikum sieht weiteres Sparpotenzial in einer Reduzierung der durchschnittlichen Verweildauer sowie im Ausbau von Marktanteilen in ertragreicheren Bereichen.

Für eine Schließung der Kinderklinik müsste der Versorgungsvertrag mit dem Land mit einer Frist von zwölf Monaten gekündigt werden.

Das Land kann eine solche Kündigung ablehnen, wenn die Abteilung für die Grundversorgung unverzichtbar ist, was Auslegungssache ist.

Zudem könnte das Land die erst 2025 vollständig ausgezahlten zwölf Millionen Euro Investitionsmittel zurückfordern, solange die zweckgebundene Investition noch nicht abgeschrieben ist.

Der Fall Bremerhaven verdeutlicht exemplarisch das strukturelle Dilemma der Kinder- und Jugendmedizin, das der Beitrag selbst mit den Zahlen zu Fallpauschalen und saisonaler Auslastung beschreibt: Ein Fachbereich, der zu 80 Prozent aus Notfällen besteht und damit naturgemäß nicht gleichmäßig ausgelastet werden kann, lässt sich in einem primär auf Fallzahlen basierenden Vergütungssystem kaum kostendeckend betreiben, unabhängig davon, wie gut das einzelne Haus wirtschaftet.

Besonders bitter macht die Konstellation der Umstand, dass gerade erst 2024 ein millionenschwerer Neubau fertiggestellt und die letzte Förderrate erst 2025 ausgezahlt wurde, was die Diskussion um eine mögliche Schließung nur ein Jahr später fast schon absurd erscheinen lässt und die Frage aufwirft, wie belastbar die vorausgegangene Investitionsentscheidung von Land und Kommune eigentlich war.

Der Hinweis auf die Rückforderungsmöglichkeit des Landes bei nicht abgeschriebenen Investitionsmitteln liefert dabei einen interessanten, in der öffentlichen Debatte bislang wenig beachteten Hebel, der zeigen könnte, dass frisch geförderte Klinikbereiche über einen gewissen Zeitraum vor vorschnellen Schließungsentscheidungen geschützt sind, allein schon aus der wirtschaftlichen Erwägung heraus, dass eine Rückzahlungsforderung die Einsparung durch die Schließung zumindest anteilig wieder auffressen würde.

Auffällig ist zudem der interne Konflikt innerhalb der Stadtspitze: Neuhoffs Rücktritt als Aufsichtsratsvorsitzender nach einem Streit über zu wenig Sparbemühungen des Geschäftsführers, gefolgt von seiner heutigen klaren Absage an eine Schließung der Pädiatrie aus seiner neuen Position als Bürgermeister, zeigt eine Rollenverschiebung, die verdeutlicht, wie unterschiedlich sich dieselbe Person je nach Funktion zur Frage von Wirtschaftlichkeit versus Versorgungsauftrag positionieren kann.

Für Bremerhaven als bereits offiziell unterversorgte Stadt wäre der Wegfall der stationären Kinderversorgung ein besonders schwerwiegender Einschnitt, da anders als bei vielen anderen Standortschließungen hier keine nahegelegene Alternative existiert, die die wegfallenden Kapazitäten unmittelbar auffangen könnte, ohne dass Familien erhebliche zusätzliche Fahrzeiten in Kauf nehmen müssten.

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