Forderungen für eine sichere Geburtshilfe
Geburtskliniken sterben: Wenn der Kreißsaal verschwindet (Kommunal).
Christian Erhardt-Maciejewski, Chefredakteur von KOMMUNAL, kritisiert im Interview den fortschreitenden Rückgang der Geburtsstationen in Deutschland als ungeordneten Strukturwandel.
KOMMUNAL-Chefredakteur: Geburtshilfe-Sterben ist "kalter Strukturwandel nach Kassenlage"
Berlin, 16.07.2026
Die Zahl der Kliniken mit Geburtshilfe hat sich seit Anfang der 1990er Jahre von rund 1.200 auf etwa 550 mehr als halbiert.
Die Geburtenzahl selbst sank im gleichen Zeitraum dagegen nur um rund 15 Prozent.
Noch deutlicher zeigt sich der Abbau bei den Betten: Standen Anfang der 1990er Jahre noch fast 70.000 Betten in der Geburtshilfe zur Verfügung, sind es heute nur noch rund 24.000.
Ein Kreißsaal müsse rund um die Uhr einsatzbereit sein, diese Bereitschaft werde im bestehenden Finanzierungssystem aber nur unzureichend vergütet, so Erhardt-Maciejewski.
Auf dem Land erreiche laut seinen Angaben nicht einmal jede vierte Schwangere innerhalb von 15 Minuten eine Geburtsklinik, üblich seien Fahrzeiten von 30 bis 40 Minuten, die sich durch Staus oder winterliche Bedingungen schnell verlängern könnten.
Auch Potsdam mit fast 200.000 Einwohnern verliert seine Geburtshilfe am St. Josefs-Krankenhaus, dort kamen im Vorjahr noch 1.638 Kinder zur Welt.
Im Evangelischen Krankenhaus Ludwigsfelde waren es zuletzt nur noch rund 250 Geburten pro Jahr, in Strausberg 177.
In Forst verhinderten auch mehr als 3.000 Unterschriften die Schließung nicht.
Erhardt-Maciejewski kritisiert zudem, dass es keine verlässliche Statistik zu ungeplanten Geburten außerhalb von Kliniken gebe, etwa auf Rastplätzen oder in Rettungswagen.
Er verweist auf konkrete Fälle, etwa eine Geburt auf dem Rastplatz Brokenlande an der A7 sowie eine weitere im Rettungswagen bei einem Stau auf der A6 bei Mannheim.
Die Krankenhausreform mit ihrem Fokus auf Konzentration medizinischer Leistungen sieht er kritisch, da nicht jede normale Geburt eine hochspezialisierte Klinik benötige.
Die geplante Vorhaltefinanzierung könnte zwar helfen, greife aber nach bisherigen Planungen erst schrittweise und teils erst gegen Ende des Jahrzehnts.
Auch der Personalmangel verschärfe die Lage, insbesondere für freiberufliche Hebammen, deren Arbeitswege sich bei Stationsschließungen verlängern.
Erhardt-Maciejewski nennt fünf Forderungen: eine von reinen Fallpauschalen gelöste Vergütung für Bereitschaftsdienste, die Einordnung der Geburtshilfe als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge, ein sofortiges Greifen der Vorhaltefinanzierung, verbindliche Erreichbarkeitsgrenzen sowie regionale Versorgungsnetze aus wohnortnahen Einrichtungen und spezialisierten Kliniken für Risikofälle.
Das Interview bündelt viele Einzelbeobachtungen, die in den vorangegangenen Wochen bereits in verschiedenen Regionalmeldungen zu Schwalmstadt, Neuruppin, Potsdam und Strausberg aufgetaucht sind, zu einer pointierten Gesamtkritik, wobei der prägnante Satz über verbindliche Erreichbarkeitsgrenzen den eigentlichen Kern des Problems trifft: In Deutschland gibt es bislang keine gesetzlich fixierte, einheitliche Fahrzeitgrenze für die Geburtshilfe, sondern nur die im Zusammenhang mit dem Sicherstellungszuschlag bereits diskutierte 40-Minuten-Schwelle als eine von mehreren Förderkriterien, die aber keine verbindliche Obergrenze im eigentlichen Sinne darstellt.
Die Kritik an der zeitlichen Verzögerung der Vorhaltefinanzierung ist inhaltlich berechtigt und deckt sich damit, dass Kliniken teils schon jetzt Fakten schaffen und Abteilungen schließen, bevor die eigentlichen Reforminstrumente überhaupt greifen, wie es Brandenburgs Gesundheitsminister Wilke selbst gegenüber Trägern eingeräumt hatte, die der Reform vorgreifen.
Die vom Autor plakativ zugespitzte Formulierung vom kalten Strukturwandel nach Kassenlage vereinfacht allerdings die tatsächliche Gemengelage etwas, denn wie das Beispiel Potsdam selbst zeigt, spielt neben der reinen Wirtschaftlichkeit auch der akute Personalmangel eine erhebliche Rolle, der sich nicht allein durch eine bessere Vorhaltefinanzierung lösen lässt, da fehlende Hebammen und Fachärzt:innen sich nicht von heute auf morgen herbeifinanzieren lassen.
