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Ganzheitliches Krisenmanagement in der Corona-Krise: Indikatorensystem zu Gesundheit, Wirtschaft und sozialen Aspekten einführen

Ganzheitliches Krisenmanagement in der Corona-Krise: Politik sollte Indikatorensystem zu Gesundheit, Wirtschaft und sozialen Aspekten einführen (RWI Essen).

Das Krisenmanagement in der aktuellen zweiten Phase der Pandemie muss neben dem Gesundheitsschutz auch die Entwicklungen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich in den Blick nehmen. Dafür sollte ein Indikatorensystem aufgestellt...

Das Krisenmanagement in der aktuellen zweiten Phase der Pandemie muss neben dem Gesundheitsschutz auch die Entwicklungen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich in den Blick nehmen. Dafür sollte ein Indikatorensystem aufgestellt werden, das gesundheitliche, wirtschaftliche und soziale Aspekte gleichermaßen
berücksichtigt. In einem aktuellen Positionspapier legt das RWI –
Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung einen Vorschlag für ein solches
Corona-Dashboard vor. Dieses sollte zeitnah von den Krisenstäben in Bund und
Ländern eingeführt werden. Darüber hinaus sollte mit umfangreichen
repräsentativen Tests und empirischen Studien zu den Wirkungskanälen von
Maßnahmen die evidenzbasierte Grundlage für die politischen Entscheidungen
gestärkt werden.

Die wichtigsten Ergebnisse:

Für künftige politische Entscheidungen müssen die gesundheitsbezogenen,
wirtschaftlichen und sozialen Dimensionen der Krise im Grundsatz
gleichberechtigt betrachtet und zwischen den Wirkungen auf diese drei
Dimensionen abgewogen werden. Dafür sollten die Krisenstäbe in Bund und Ländern
ein regelmäßig aktualisiertes und kompaktes „Corona-Dashboard“ verwenden. Die
darin gesammelten Erkenntnisse könnten von Experten aus verschiedenen
Disziplinen regelmäßig ausgewertet werden, um die unausweichlichen politischen
Abwägungen beratend zu unterstützen.
Die Indikatoren sollten auf kleinräumiger Ebene erhoben und möglichst präzise
und in hoher Frequenz zur Verfügung stehen. Auf diese Weise können die
Entscheidungen über notwendige Maßnahmen die regionalen Unterschiede
berücksichtigen.
Gesundheitsbezogene Indikatoren: Ein erneutes exponentielles Wachstum der
Neuinfektionen muss verhindert werden. Als Indikatoren herangezogen werden
sollten sämtliche Daten des Infektionsgeschehens wie (i) der
Reproduktionsfaktor R, (ii) die Anzahl an Neuinfektionen und der aktuell
Infizierten, (iii) die Anzahl der Quarantäne- und (iv) der Todesfälle.
Weiterhin sind die Versorgungskapazitäten des Gesundheitssystems zu beobachten:
(v) die Anzahl der Intensivbetten, (vi) der Beatmungsplätze, (vii) die
Auslastung der Intensivstationen durch COVID-Patienten und (viii) die
allgemeine Auslastung der Krankenhäuser. Nicht zuletzt spielen
Kontrollmaßnahmen eine große Rolle: (ix) die Anzahl der (durchgeführten) Tests
sowie (x) die Anzahl maximal möglicher Tests.
Wirtschaftliche Indikatoren: Besonders drei Handlungsfelder sind für die
wirtschaftliche Lage relevant. Am Arbeitsmarkt ist die Zahl an (i) Insolvenzen,
(ii) Kurzarbeitern und (iii) Arbeitslosen festzuhalten. Bei den Unternehmen
stellen vor allem Daten zu (iv) der Geschäftslage (Auftragseingänge, etc.), (v)
den Geschäftserwartungen und (vi) Beschäftigungsplänen wichtige Kennzahlen dar.
Die öffentlichen Haushalte werden stark belastet, der Umfang der
Stabilisierungs-Maßnahmen muss also ebenfalls beobachtet werden: (vii) das
Volumen der gewährten Soforthilfen, (viii) die Höhe der Liquiditätshilfen sowie
(ix) das Volumen der gestundeten Steuern.
Soziale Indikatoren: Viele Aspekte der sozialen Dimension der Krise entziehen
sich dem rein marktwirtschaftlichen Geschehen. Zentral dafür ist (i) die
Einstellung und Zuversicht der Bevölkerung sowie (ii) die Akzeptanz der
Maßnahmen. Dazu müssten zeitnah Erhebungen stattfinden. Betreuungs- sowie
Unterrichtsausfälle von der frühkindlichen bis zur weiterführenden Bildung
sollten anhand (iii) des Anteils nicht verwirklichter Kita-Betreuungsstunden,
(iv) des Anteils ausfallender Stunden Regelunterricht in Grundschulen sowie (v)
in weiterführenden Schulen ebenfalls festgehalten werden. (vi) Gemeldete
Vorfälle von häuslicher Gewalt, sowohl physischer und psychischer Natur, sowie
(vii) Statistiken über die Nutzung von Frauenhäusern können Aufschluss über den
Persönlichkeitsschutz geben.
Darüber hinaus müssen groß angelegte, repräsentative Testungen durchgeführt
werden, auch bei Bürgern ohne Symptome. Die bislang vorliegenden Daten können
keinen befriedigenden Aufschluss über die Ausbreitung der Corona-Pandemie
geben. Aktuell bleiben viele Infizierte mit fehlenden oder geringen Symptomen
ungetestet. Auch hochkomplexe Simulationsmodelle gleichen eine unzureichende
Datenbasis nicht hinreichend aus.

Bei der Einordnung der Wirkung von Abwehrmaßnahmen muss zwingend zwischen
Korrelation und Kausalität unterschieden werden. Anpassungen der Bevölkerung
und Unternehmen an Hygiene- und Abstandsregeln könnten schon jetzt einen großen
Teil der Neuinfektionen verhindern, auch ohne strikte Lockdown-Maßnahmen und
Kontaktverbote. Diese Wirkungskanäle können nicht durch
Plausibilitätsüberlegungen oder Unternehmensbefragungen aufgedeckt werden.
Notwendig sind vielmehr zeitnah durchgeführte empirische Studien insbesondere
zu der Frage, wie es den Unternehmen in der betrieblichen Praxis gelingt,
Abstand und Hygiene sicherzustellen.

„Für unsere aktuelle Situation gibt es keine Erfahrungswerte. Repräsentative
Tests auf Infektionen sowie empirische Untersuchungen der Anpassungsfähigkeit
von Bürgern und Unternehmen können Grundlage für weitere Lockerungen sein“,
sagt RWI-Präsident Christoph M. Schmidt. „Ein stetiges Monitoring von wichtigen
Entscheidungskriterien über ein ganzheitliches Corona-Dashboard sollte
politische Abwägungen leiten und die Kommunikation gegenüber der Bevölkerung
erleichtern. Die Regierung wäre gut beraten, ein solches Monitoring zeitnah
umzusetzen. Die datengestützte Berücksichtigung regionaler Unterschiede könnten
die Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Aktivität und den Gesundheitsschutz
besser miteinander vereinen.“

Quelle: RWI Essen, 08.05.2020

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erschienen am Montag, 11.05.2020
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