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MLP-Gesundheitsreport: Krankenhausärzte unter massivem Druck

Krankenhausärzte unter massivem Druck (MLP Gesundheitsreport, PDF, 4,3 MB).

Den Status quo der Gesundheitsversorgung bewertet eine deutliche Mehrheit von Ärzten und Bürgern zwar weiterhin positiv, aber: 62 Prozent der Bürger klagen über lange Wartezeiten und 34 Prozent über vorenthaltene...

Den Status quo der Gesundheitsversorgung bewertet eine deutliche Mehrheit von Ärzten und Bürgern zwar weiterhin positiv, aber: 62 Prozent der Bürger klagen über lange Wartezeiten und 34 Prozent über vorenthaltene Leistungen aus Kostengründen – 63 Prozent der Ärzte bemängeln Termintreue ihrer Patienten Zugespitzte Lage in Krankenhäusern: 61 Prozent der Klinikärzte beklagen
fehlende Zeit für Patienten (2016: 50 Prozent) – 75 Prozent berichten von häufig nicht akuten Fällen in der Notaufnahme
Deutliche Ärztemehrheit (59 Prozent) erwartet Verschlechterung der
Gesundheitsversorgung – Bevölkerung befürchtet insbesondere
Zwei-Klassen-Medizin und steigende Kassenbeiträge
Jüngste Reformmaßnahmen rufen vielfach Ernüchterung bei Bürgern und Ärzten
hervor – 35 Prozent bzw. 67 Prozent stellen der Politik insgesamt ein
schlechtes Zeugnis aus
Bürger zunehmend offen für Telemedizin, doch nur jeder zehnte Arzt bietet eine
Videosprechstunde an oder plant dies
Wiesloch, 9. Oktober 2019 – Mit geschätzten 387 Milliarden Euro vermeldete das
Statistische Bundesamt für 2018 einen neuen Höchstwert der Gesundheitsausgaben
in Deutschland. Bereits im Jahr zuvor wurde die Marke von einer Milliarde Euro
pro Tag erstmals überschritten. Vor diesem Hintergrund nehmen Bevölkerung und
Ärzte die Gesundheitsversorgung in Deutschland immer noch als sehr
leistungsfähig wahr und viele Bürger haben in den vergangenen Jahren nochmals
bessere Erfahrungen gemacht. Vielfach bemängelt werden aber weiterhin lange
Wartezeiten beim Arzt und vorenthaltene Leistungen aus Kostengründen. In den
Krankenhäusern spitzt sich die Lage weiter zu: Hauptproblem hier ist Zeitmangel
aufgrund der schwierigen Personalsituation und vieler „Nicht-Notfälle“ in der
Notaufnahme. Der 2016 noch verbesserte Eindruck der Bürger von der
Gesundheitspolitik hat sich inzwischen wieder gedreht; bei den Ärzten zeigt
sich nun sogar eine Zwei-Drittel-Mehrheit unzufrieden. Dabei hat die Politik in
den letzten Jahren zahlreiche Reformmaßnahmen auf den Weg gebracht – doch mit
einer Reihe davon sind die Bürger und Ärzte nicht zufrieden. Verstärkt hat sich
zudem der Ärztemangel – dieser wird für Ärzte und Bevölkerung insbesondere in
Ostdeutschland immer sichtbarer. Weiterhin erwartet eine deutliche
Ärztemehrheit eine Verschlechterung der Gesundheitsversorgung. Die Bevölkerung
befürchtet für die Zukunft vor allem eine Zwei-Klassen-Medizin und steigende
Beiträge. Zu diesen Kernergebnissen kommt der 10. MLP Gesundheitsreport. Die
repräsentative Bevölkerungs- und Ärztebefragung im Auftrag des
Finanzdienstleisters MLP hat das Institut für Demoskopie Allensbach erstellt.

Weiterhin Klagen über lange Wartezeiten und vorenthaltene Leistungen
Insgesamt beurteilen die meisten Bürger und Ärzte die Gesundheitsversorgung in
Deutschland noch als gut oder sehr gut (77 Prozent bzw. 89 Prozent). 20 Prozent
der Bürger geben an, in den vergangenen Jahren nochmals bessere Erfahrungen
gemacht zu haben. Mit 62 Prozent sind in der Bevölkerung aber auch weiter
gestiegene Klagen über lange Wartezeiten zu vernehmen (2012: 52 Prozent, 2016:
55 Prozent). Überproportional betroffen zeigen sich hier gesetzlich
Krankenversicherte (65 Prozent). Außerdem hatte weiterhin rund ein Drittel der
Bürger (34 Prozent) das Gefühl, dass ihm medizinische Leistungen aus
Kostengründen vorenthalten wurden (2012: 31 Prozent, 2016: 40 Prozent). Fast
jeder zweite Arzt (45 Prozent) bestätigt, dass dies bei ihm bereits vorgekommen
sei (2016: 44 Prozent). Noch verbreiteter sind Verschiebungen von Behandlungen
aus Kostengründen: 64 Prozent der Ärzte sahen sich dazu bereits gezwungen – vor
drei Jahren geschah dies noch seltener (2016: 57 Prozent). Entsprechend fallen
die Sorgen der Ärzte um ihre Therapiefreiheit mit 62 Prozent weiterhin hoch aus
(2016: 61 Prozent), insbesondere bei Hausärzten (66 Prozent).

Dass Patienten Terminvereinbarungen vielfach nicht einhalten, berichtet eine
deutliche Mehrheit von 63 Prozent der Ärzte – 35 Prozent haben dies sogar
häufig erlebt. Die Bevölkerung hingegen sieht sich wesentlich termintreuer:
Lediglich 19 Prozent räumen ein, bereits einen Arzttermin ohne vorherige Absage
verpasst zu haben. Eine größere Termintreue könnte vor allem bei Fachärzten für
Entlastung sorgen: Jedem Fünften fällt es schwer, Termine innerhalb von vier
Wochen anzubieten.

Lage in Krankenhäusern spitzt sich zu
In den Krankenhäusern zeichnet sich eine Reihe von Verschlechterungen ab. Mit
61 Prozent klagt eine deutlich gestiegene Mehrheit der Krankenhausärzte über
fehlende Zeit für ihre Patienten (2016: 50 Prozent). Besonders betroffen sehen
sich Assistenzärzte (67 Prozent). Rund die Hälfte der befragten
Krankenhausärzte gibt an, auch mehr Patienten versorgen zu müssen. Der
Personalengpass im Krankenhaus wird neben dem Ärztemangel auch an anderer
Stelle befeuert: Die Besetzung offener Stellen mit Krankenschwestern oder
-pflegern wird immer schwieriger – das bescheinigen mit 84 Prozent nochmals
deutlich mehr Krankenhausärzte als vor drei Jahren (2016: 72 Prozent).

Die strukturellen Probleme zeichnen sich zunehmend auch in der wahrgenommenen
Qualität der Versorgung in deutschen Krankenhäusern ab: Sie sei weniger oder
gar nicht gut, urteilt inzwischen rund jeder fünfte Krankenhausarzt – 2016 war
es nur knapp jeder zehnte. Für die jüngsten Reformmaßnahmen zur Steigerung der
Qualität in Krankenhäusern sind mehr als 6 Milliarden Euro bis 2020
veranschlagt – gleichwohl gibt es deutlich mehr Krankenhausärzte, die die
Reformmaßnahmen für wirkungslos halten (47 Prozent), als solche, die positive
Auswirkungen wahrnehmen (37 Prozent). Weiterhin dominieren aus Sicht von drei
Vierteln der Krankenhausärzte wirtschaftliche Aspekte das medizinisch Sinnvolle
(2016: 77 Prozent).

Problematisch sind weiterhin die überfüllten Notaufnahmen: Von den befragten
Krankenhausärzten hatten 75 Prozent häufig mit „Notfällen“ zu tun, die keine
seien. Immerhin halten 64 Prozent dieses Problem aber auch für lösbar: 29
Prozent dieser Krankenhausärzte plädieren dafür, Gebühren von Patienten zu
erheben, die ohne tatsächliche Dringlichkeit die Notaufnahme aufsuchen. Im
Durchschnitt sehen die Befragten hier einen Betrag von 30 Euro pro Fall.
Weitere 33 Prozent sind davon überzeugt, dass eine verbesserte
Notfallversorgung auf Seiten der Niedergelassenen zu einer deutlichen
Entlastung der Krankenhäuser führen würde.

Ärztemangel verschärft sich – besonders im Osten
Die Bevölkerung nimmt den Ärztemangel bereits deutlich wahr oder rechnet damit
– im Osten (64 Prozent) nochmals stärker als im Westen (40 Prozent). 2016 war
das Problem noch weniger präsent. Niedergelassene Ärzte erkennen ebenfalls eine
Verschärfung des Ärztemangels: Vor drei Jahren sahen 60 Prozent diesen in der
eigenen Region oder rechneten damit, 2019 ist der Wert auf 71 Prozent
gestiegen.

Einen Nachfolger für die eigene Praxis zu finden, halten mit rund zwei Dritteln
nochmals mehr Niedergelassene für schwierig oder sehr schwierig als noch vor
drei Jahren (2016: 57 Prozent). Nur für ein gutes Drittel der Krankenhausärzte
käme die Niederlassung infrage. Als Gründe dagegen führen die Ärzte
insbesondere ihren Gesundheitszustand (17 Prozent), die eigene Fachrichtung (15
Prozent) und das finanzielle Risiko (10 Prozent) an. Für 69 Prozent der
niedergelassenen Ärzte ist es zudem schwierig, geeignetes Personal für ihre
Praxis zu finden (2016: 59 Prozent). Laut Arbeitsagentur ist rund jede zehnte
Ausbildungsstelle für Arzt- und Praxishilfen unbesetzt.

Verschiedene Maßnahmen könnten helfen, die flächendeckende Versorgung auch in
Zukunft sicherzustellen. Finanzielle Anreize für Gemeinschaftspraxen im
ländlichen Raum befürworten 88 Prozent der Ärzte. Zudem halten es 81 Prozent
für sinnvoll, in strukturschwachen Regionen verstärkt medizinische
Versorgungszentren zu gründen. Der wirtschaftliche Erfolg dieser Zentren hängt
maßgeblich auch von differenzierten Daten und Analysen bei der Planung ab –
davon ist eine große Mehrheit der Ärzte überzeugt (81 Prozent).

Pessimistische Zukunftserwartungen – Bevölkerung rechnet mit steigenden
Beiträgen und Zwei-Klassen-Medizin
Für die kommenden zehn Jahre gehen Ärzte weiterhin von einer Verschlechterung
der Gesundheitsversorgung aus (59 Prozent, 2016: 62 Prozent). In der
Bevölkerung erwarten 30 Prozent pauschal eine Verschlechterung. Zugleich
rechnet eine breite Mehrheit weiterhin mit einer Zwei-Klassen-Medizin (60
Prozent, 2016: 67 Prozent) und steigenden Kassenbeiträgen (72 Prozent, 2016: 81
Prozent). Ärzte befürchten insbesondere Versorgungsschwierigkeiten im
ländlichen Raum (90 Prozent) und nochmals weniger Zeit für die Behandlung ihrer
Patienten (85 Prozent). Zudem gehen drei Viertel davon aus, dass sie in Zukunft
nicht mehr alle medizinisch notwendigen Leistungen verordnen können.

Unzufriedenheit mit einer Reihe der jüngsten Reformmaßnahmen
Für Ernüchterung sorgen vor allem die in den letzten drei Jahren umgesetzten
Reformmaßnahmen – eine Reihe davon verpufft nach Ansicht vieler Bürger und
Ärzte. In der Kritik stehen etwa die Maßnahmen für eine schnellere
Terminvergabe – 57 Prozent der Bürger erwarten hier keine spürbaren
Verbesserungen. 2016 hielten sie die Terminvergabestelle noch für eine gute
Maßnahme (58 Prozent). Auch die Einführung einer Hausarztprämie stößt auf
Skepsis: Etwas mehr als ein Drittel der Bürger lehnt diese ab, Ärzte hingegen
befürworten diese Maßnahme (63 Prozent). Letztere kritisieren allerdings die
Erweiterung der Sprechstunde auf 25 Wochenstunden (62 Prozent). Auch die
kürzlich festgelegten Personaluntergrenzen für Krankenhäuser stoßen auf
Ablehnung – nur 12 Prozent der Krankenhausärzte halten eine Umsetzung für
möglich. Andere Reformvorschläge werden von den Ärzten aber auch geschätzt,
etwa dass zukünftig jeder automatisch potenzieller Organspender ist, wenn er
nicht widerspricht (62 Prozent).

Eine umfassende Reform des Gesundheitswesens vermissen 46 Prozent der Bürger
und 70 Prozent der Ärzte. Eine sehr große Mehrheit der Ärzte zeigt sich
zugleich skeptisch, dass diese noch kommen wird (75 Prozent). „Die Politik ist
gefordert, strukturelle Verbesserungen anzugehen. Ein Herumdoktern an einzelnen
Schwachstellen im System reicht nicht mehr, um unser Gesundheitswesen
zukunftsfest zu machen – das zeigt unsere Studie sehr deutlich“, sagt Dr. Uwe
Schroeder-Wildberg, Vorstandsvorsitzender von MLP.

Digitalisierung erst am Anfang – Ärzte sehen Politik in der Bringschuld
Von der fortschreitenden Digitalisierung versprechen sich die Ärzte
insbesondere Lösungsansätze für den wachsenden bürokratischen Aufwand, den 80
Prozent als das größte Problem in ihrer Tätigkeit sehen. Die Politik müsse im
Bereich Digitalisierung mehr tun (58 Prozent). Bei den unter 45-jährigen Ärzten
denken sogar mehr als zwei Drittel so.

53 Prozent der Ärzte rechnen damit, dass die Digitalisierung die Medizin
grundlegend ändern wird – für 4 Prozent ist dies sogar schon geschehen. Den
Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) bewertet knapp die Hälfte als Chance, 38
Prozent sehen eher Risiken. KI könne die ärztliche Expertise aber auch nicht
ersetzen: 83 Prozent sehen die entscheidende Rolle in der Gesundheitsversorgung
zukünftig weiter bei menschlichen Ärzten.

Bürger zunehmend offen für Telemedizin, aber nur wenige Mediziner planen
Angebote
Telemedizin käme für die Bevölkerung zunehmend infrage (2019: 33 Prozent, 2016:
22 Prozent) – bei den unter 30-Jährigen sogar für etwas mehr als die Hälfte.
Mediziner rechnen auch immer mehr mit entsprechenden Angeboten in den nächsten
zehn Jahren (89 Prozent), bei den Bürgern sind es noch deutlich weniger (48
Prozent). Die Ärzte sehen in der Telemedizin eine Antwort auf den Ärztemangel
(57 Prozent) und bescheinigen ihr generell mehr Vorteile (58 Prozent) als
Nachteile (30 Prozent).

Momentan bieten aber kaum Krankenhausärzte (4 Prozent) und noch weniger
Niedergelassene (2 Prozent) telemedizinische Angebote an und planen dies auch
nicht (86 Prozent bzw. 88 Prozent). Die Gründe hierfür liegen vor allem in der
erwarteten eigenen Kostenbelastung (48 Prozent) und dem steigenden
Verwaltungsaufwand (74 Prozent). Zudem zweifeln die Ärzte daran, ob der
Datenschutz der Patienten ausreichend gewährleistet ist (63 Prozent).

Quelle: MLP Gesundheitsreport, 09.10.2019

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erschienen am Donnerstag, 10.10.2019
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