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Überversorgung im Gesundheitssystem schadet den Patienten

Überversorgung im Gesundheitssystem schadet den Patienten (Bertelsmann Stiftung, PDF, 12 MB).

In Deutschland wird unnötig diagnostiziert und operiert. Überflüssige medizinische Leistungen gehen mit Belastungen und Gefahren für Patienten einher. Sie verschwenden wertvolle Ressourcen im Gesundheitssystem, die für tatsächlich notwendige Behandlungen fehlen....

In Deutschland wird unnötig diagnostiziert und operiert. Überflüssige medizinische Leistungen gehen mit Belastungen und Gefahren für Patienten einher. Sie verschwenden wertvolle Ressourcen im Gesundheitssystem, die für tatsächlich notwendige Behandlungen fehlen. Nach neuen Untersuchungen der Bertelsmann
Stiftung sind vielfältige Ursachen für Überversorgung verantwortlich.
Gütersloh, 5. November 2019. Überflüssige und in ihrem Nutzen fragwürdige
Untersuchungen, Operationen, Therapien und Arzneimittelverschreibungen schaden
den Patienten. Sie können zu Verunsicherung, Komplikationen und Folgeeingriffen führen. Zudem
binden sie medizinisches Personal und Ressourcen, die für andere Behandlungen dringender
benötigt werden. In einem kombinierten Studienansatz hat die Bertelsmann Stiftung die
Auswirkungen und Ursachen von medizinischer Überversorgung in Deutschland
analysiert: Neben Planungs-, Vergütungs- und Steuerungsdefiziten im
Gesundheitssystem, die als Treiber des
Problems gelten, spielen die Erwartungen und Einstellungen sowohl von Ärzten
als auch Patienten eine große Rolle.

Unnötige medizinische Leistungen in Deutschland
Das Berliner IGES Institut hat in der Fachliteratur medizinische Leistungen
identifiziert, die exemplarisch für das breite Spektrum unnötiger Diagnostik und Therapie stehen.
So kommt es jährlich zu rund 70.000 Schilddrüsenoperationen, wobei bei etwa 90 Prozent
der Eingriffe keine bösartigen Veränderungen vorliegen. Mit einer besseren Diagnostik könnten
viele dieser Operationen vermieden werden. Auch bei Eierstock-OPs bestätigt
sich der Verdacht auf eine bösartige Erkrankung nur bei zehn Prozent der operierten Frauen. Zu
unnötigen OPs kommt es, weil vielen Frauen ohne Risiko ein Screening empfohlen wird, obwohl
dies gegen Leitlinien verstößt. Bei Medikamenten werden insbesondere Magensäureblocker,
die zu den am häufigsten eingenommenen Arzneimitteln in Deutschland zählen, zu oft
verschrieben. Experten zufolge werden hier bis zu 70 Prozent aller Verordnungen ohne korrekte
Indikation vorgenommen. Das heißt, sie sind medizinisch nicht zwingend notwendig.

Bei „Choosing Wisely“ gehen Ärzte selbst gegen Überversorgung vor
„Um Patienten besser vor Überversorgung zu schützen, ist ‚Choosing Wisely‘ ein
vielversprechender Ansatz. Denn hier setzen sich Ärzte gegen Überversorgung und
für bessere Gespräche ein. Das Konzept ist in anderen Ländern bereits
erfolgreich eingeführt worden und findet immer mehr Beachtung. Auch in Deutschland sollte es im Sinne des
Patientenwohls stärker unterstützt werden“, so Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann
Stiftung. „Choosing Wisely“ ist eine in den USA und Kanada gestartete Bewegung von Ärzten
für mehr professionelle Verantwortung und gegen Überversorgung. Bei „Choosing
Wisely“ – in der deutschen Fachöffentlichkeit mit „Gemeinsam klug entscheiden“ übersetzt –
benennen medizinische Fachgesellschaften medizinische Leistungen, die überdacht oder
ganz unterlassen werden sollten, um Patienten nicht zu schaden. Die
mittlerweile in über 20 Ländern erfolgreiche Bewegung hinterfragt herrschende Denk- und Verhaltensmuster in der
Gesundheitsversorgung, wie beispielsweise „Mehr ist besser“. In Kanada, Neuseeland
oder den Niederlanden gibt es konkrete Maßnahmen, damit fragwürdige Leistungen
aus dem Klinik- und Praxisalltag verschwinden. „Wir gehen davon aus, dass bis zu 30 Prozent der
medizinischen Leistungen in westlichen Industrieländern auf Überversorgung entfallen“, so
Prof. Dr. Wendy Levinson aus Kanada, Gründerin und Leiterin von „Choosing Wisely International“.

Denkmuster von Patienten und Ärzten befördern Überversorgung
Auch in Deutschland gibt es Denk- und Verhaltensmuster, die Überversorgung
befördern. Auffällig ist, dass hierzulande viele Menschen zwar ein Bewusstsein für
Überversorgung haben, sich selbst aber nicht davon betroffen fühlen. Rund die
Hälfte der Bevölkerung vermutet, dass in Kliniken und Arztpraxen oft unnötige
medizinische Leistungen erbracht werden.

Dies förderte eine repräsentative Umfrage der Meinungsforscher von Kantar
zutage. Vom Rheingold Institut geführte Tiefeninterviews zeigten jedoch: Manchen Patienten
ist gar nicht bewusst, dass sie selbst unnötige Behandlungen einfordern und sich dadurch
Risiken aussetzen. Die verbreitete Einstellung, im Zweifel lieber nichts
unentdeckt und unversucht zu lassen, führt zu Aktionismus. In den Interviews sagten Ärzte und Patienten
übereinstimmend, dass Ungewissheit schwer auszuhalten sei und sie daher aktives Handeln
bevorzugten. Dies spiegelt sich in den repräsentativen Befragungsergebnissen wider: 56 Prozent
der Bürger meinen demnach, jede Therapie sei besser als Abwarten.
Vielzahl an Einflussfaktoren erfordert Maßnahmenbündel Zu den entscheidenden Treibern von Überversorgung zählen die Rahmenbedingungen
der Gesundheitsversorgung: das Nebeneinander von ambulanten und zu vielen
stationären Versorgungsstrukturen, aber auch die Art, wie Medizin in
Deutschland gelehrt, geleistet und vergütet wird. So wird selbst falsches
Handeln vergütet, nicht aber korrektes Unterlassen.

Wie bisherige wissenschaftliche Erkenntnisse und die neuen Untersuchungen der
Bertelsmann Stiftung zeigen, ist Überversorgung die Folge vieler Ursachen.
Gefragt ist daher ein breites Spektrum an Lösungsansätzen, damit Patienten keine Untersuchungen und
Behandlungen mehr erhalten, die ihnen wenig nutzen oder sogar schaden. Nach
Einschätzung der Bertelsmann Stiftung sind daher folgende Maßnahmen zu empfehlen:

■ Ethische Verantwortung übernehmen: Ärzte stehen in der Verantwortung, mit
ihren Patienten Nutzen und Risiken relevanter Behandlungsoptionen zu besprechen. So
wird Patienten stärker bewusst, dass überlegtes Abwarten und Beobachten auch in
ihrem Fall viele unnötige und eventuell schädigende Maßnahmen verhindern kann.
■ Unnötige Leistungen unterlassen: Praxen und Kliniken sollten Strategien
entwickeln, um wenig erfolgversprechende Maßnahmen nicht mehr durchzuführen. „Choosing
Wisely“ kann dabei unterstützen. Interessenkonflikte müssen transparent
dargelegt werden.
■ Nutzen und Risiken medizinischer Leistungen stärker verdeutlichen: Politik
und Selbstverwaltung sollten einen leichten Zugang zu evidenzbasierten
Informationen und Entscheidungshilfen für Patienten und Ärzte schaffen, beispielsweise in der
Elektronischen Patientenakte.
■ Planung und Vergütung optimieren: Politik und Selbstverwaltung sollten die
Gesundheitsversorgung bedarfsorientiert und sektorenübergreifend planen und
organisieren. Zudem sollten sie die Vergütung stärker an der (Indikations-) Qualität
ausrichten und bessere Voraussetzungen für gute Patienteninformation und Informationsflüsse
schaffen.

Zusatzinformationen
Für die Analysen beauftragte die Bertelsmann Stiftung das Berliner
Forschungsinstitut IGES mit einer Literaturrecherche zur Thematik und das Kölner
Marktforschungsinstitut Rheingold mit der Durchführung von qualitativen Tiefeninterviews mit 24 Patienten und 15
Ärzten. Zudem nahm das Bielefelder Marktforschungsinstitut Kantar im September
2019 eine repräsentative Bevölkerungsbefragung vor.

Quelle: Bertelsmann Stiftung, 05.11.2019

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erschienen am Dienstag, 05.11.2019
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