Eine Pneumonie und viele Keime

  • Hallo, ForumshelferInnen


    Unser Kodiersystem samt Prüfsoftware stieg aus bei folgendem Fall:
    55jähr. Pat. kommt mit Unterlappenpneumonie. Sieht zunächst noch harmlos aus. In der ersten Kultur Candida, später MRSA. Inzwischen intubiertn und beatmet fängt sie sich noch eine Klebsiellenfamilie und nach Langzeitbeatmung einen Aspergillus. Das alles gehört irgendwie zu der Eingangspneumonie.
    Wie wird es verknüpft?
    Hilflos und dankbar
    Susanne im nachtblauen München :roll:

    Susanne in München :i_drink:

  • Leider kamen bisher keine Tipps aus dem sonst so hilfreichen Forum. Warte sehnlichst auf Antwort
    im sonnenblauen München
    Susanne :roll:

    Dr. Susanne Roller
    Internistin/Palliativmedizin
    München

  • Hallo nach München,


    vielleicht findet sich hier ein Hinweis:
    \"ICD-Kodierleitfaden Mikrobiologie (DGHM).


    Der Leitfaden steht zum Download im 2. Quartal diesen Jahres.


    Viele Grüße aus dem Sauerland


    Der Zymotiker :sonne:

  • Hallo,
    die Lage ist nicht hoffnungslos, sondern nur recht kompliziert. Die akademische Logik der ICD-10, gerade im Bereich der Infektionskrankheiten, wird wohl von kaum jemandem weltweit richtig angewandt, es gibt aber mittlerweile ein neues Kodiersystem, das es kann :d_zwinker:


    Prinzipiell ist es stets zulässig, zu einem Primärkode mehrere Sekundärkodes oder Sternkodes anzugeben, auch wenn das KIS dies mitunter nicht ohne weiteres verarbeiten kann. In Ihrem Beispiel jedoch ist die einzige korrekte Lösung eine bunte Mischung aus Kreuz-, Stern- und Sekundärkodes, die wir uns in Deutschland durch die Resistenzkodes U80 - U85 noch ein wenig schillernder gemacht haben.


    Mein Kodiervorschlag (mit Anspruch auf Vollständigkeit :jaybee: ),
    die eingeklammerten Kodierungen gelten nur bei den entspr. Resistenzen:


    B37.1+ Kandidose der Lunge
    J17.2* Pneumonie bei Mykose
    (U83! Candida mit Resistenz gegen Fluconazol etc.)


    J15.2 Pneumonie durch Staphylokokken
    B95.6! Staph.aureus als Urs.v.Krankh.,d.in and.Kap.klass.sind
    U80.0! Staph.aureus mit Resistenz gegen Oxacillin etc.
    (U81! Bakterien mit Multiresistenz gegen Antibiotika)


    J15.0 Pneumonie durch Klebsiella pneumoniae
    B96.2! Klebsiella pneumoniae als Urs.v.Krankh.,d.in and.Kap.klass.sind
    (U80.4! Escherichia, Klebsiella etc. mit Resistenz gegen Chinolone etc.)
    (U81! Bakterien mit Multiresistenz gegen Antibiotika)


    B44.0+ Invasive Aspergillose der Lunge
    J17.2* Pneumonie bei Mykose


    Theoretisch ist es also möglich, dass zu einem Primärkode sowohl Stern- und !-Kodes verknüpft werden und dabei 3 Sekundärkodes zu einem Primärkode durchaus realistisch sein können (z.B. MRSA und Multiresitenz).
    Das KIS bzw. die Datenübermittlung gemäß §21KHG / §301SGBV wird in diesen Fällen den Primärkode vervielfachen und jeweils mit pärchenweise mit den zugeordneten Sekundärkodes versenden. In obigem Beispiel würden also 5 bis 9 Kode-Pärchen entstehen.


    So aufgebläht das aussieht, aber ICD-10 und DKR schreiben es im Prinzip
    so vor. Und zumindest steigert es den PCCL mühelos auf 4, dies dürfte aber bei Ihrem Intensivpatient mit Langzeitbeatmung kaum noch relevant sein.


    Über Sinn oder Unsinn wird bekanntlich an anderen Stellen entschieden, mit derartigen schönen Beispielen sollten wir aber immer wieder die Verantwortlichen konfrontieren.


    Weiterhin viel Freude bei der Arbeit!

    Dr. Rolf Bartkowski
    Arzt f. Chirurgie, Med. Informatik
    Berlin

  • Sehr geehrter Dr. Bartkowski,


    J15.0 und B96.2! darf m.E. nicht sein, da in der J15.0 doch bereits die komplette Klebsielle :t_teufelboese: enthalten ist...


    Hinsichtlich J15.2 und B95.6! muss ich Ihnen Recht geben (obwohl ich dies bisher ebenfalls nicht so gesehen hatte -> Vielen Dank), da hier mit der zusätzlichen B95.6! eine zusätzliche Information gegeben wird (Staph. aureus Versus Sonstige Staphylokokken).


    Mit freundlichen Grüßen


    C. Hirschberg

  • Hallo, Herr Hirschberg,
    im Prinzip teile ich Ihre Ansicht, da es eine Redundanz ist, den Sekundärkode B96.2! anzugeben, obwohl ja der Originaltext von \"E.coli und anderen Enterobakteriazeen\" spricht und man in dieser Zuordnung auch einen Informationsgewinn sehen könnte.


    Aber unter den ökonomischen Vorgaben der DRG-Abrechnung muß sowieso nicht inhaltlich sondern formal argumentiert werden und mir ist eben keine Anwendungsvorschrift der ICD-10 bekannt, die diese Primär- / Sekundärkodierung ausschliesst bzw. uns zwingt, auf die entsprechenden CCL-Punkte zu verzichten. Im Gegenteil, zahlreiche weitere Beispiele erfordern doch gerade eine fixe, völlig redundante Kombination wie z.B. G30.0+ / F00.0*.


    Ich denke, es ist schon schwierig genug, zwischen den spezifischen Infektionen des Kapitels I der ICD-10 und den \"in anderen Kapiteln klassifizierten Krankheiten\" zu unterscheiden und entsprechend korrekt zu kodieren. Mit einer zusätzlichen Regel, ob ein Kode aus B95-B97 noch einen Informationsgewinn bringt, dürfte z.B. auch B95.6! nicht mehr neben U80.0! verwendet werden, was eine paradoxe Rückstufung des Schweregrades zur Folge hätte.


    Stellen Sie sich bitte auch das Durcheinander z.B. bei einer Pneumonie durch \"sonstige\" Streptokokken (J15.4) vor: Wenn die \"sonstigen\" zur Gruppe A gehören, wäre B95.0! ein zulässiger Sekundärkode. Bei Streptokokken der Gruppe E wäre jedoch B95.48! nach Ihrer Auffassung nicht zulässig, da dieser Kode keinen zusätzlichen Informationsgehalt hat.


    Ich halte daher meinen Vorschlag nach wie vor für regelkonform und auch sinnvoll im Sinne einer einheitlichen Kodierung und Auswertbarkeit.
    Falls ich jedoch irgendeine DKR übersehen haben sollte, wäre ich natürlich (ungern :t_teufelboese: ) bereit, meine Empfehlung zu revidieren.


    In der eigentlichen Fallbeschreibung war übrigens der genaue Familiennname der Klebsielle gar nicht angegeben, so dass die Empfehlung sogar lauten müsste:
    J15.9 Sonstige bakterielle Pneumonie
    B96.2! E.coli und anderen Enterobakteriazeen als Ursache von ...


    Hierbei könnten sich Experten sogar noch darüber streiten, ob Klebsiellen als lediglich fakultativ anaerobe gramnegativen Bakterien eher mit J15.6 zu kodieren wären, wozu ich jetzt sogar eher neigen würde.


    Grüße aus Berlin !

    Dr. Rolf Bartkowski
    Arzt f. Chirurgie, Med. Informatik
    Berlin


  • Hallo Herr Bartkowski,


    hier wird wohl eine andere Meinung vertreten, wenn ich Ihre Aussage und die von Herrn Pietzcker richtig verstanden habe:
    \"Die U81! ist ebenfalls sicher falsch, da MRSA=Methicillinresistenter S. aureus und nicht multiresistenter S. aureus, und es ist bisher weltweit noch kein MRSA aufgetreten, auf den die Kriterien der U81 (nur noch zwei Substanzklassen wirksam) zutreffen, das findet man höchstens bei gramnegativen Erregern.\" Kompletter Text.

    Mit freundlichen Grüßen

    D. D. Selter

    Ärztlicher Leiter Medizincontrolling

    Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau

  • Hallo, Herr Selter,
    das sehe ich nicht so, Herr Pietzcker weist zu Recht darauf hin, dass MRSA mit U80.0! kodiert wird, genauso wie ich es auch vorgeschlagen habe. Nur wenn zusätzlich noch eine Multiresistenz besteht, wäre auch U81! möglich. Da dies im Beispiel aber nicht der Fall war, habe ich diese Kodes nur der Vollständigkeit halber in Klammer mit angegeben, um auf die theoretische Möglichkeit hinzuweisen. Dass dies bei S. aureus in der Praxis nicht vorkommt, mag ja sein, aber die Kodiermöglichkeit besteht auf jeden Fall, und ist zumindest bei anderen Keimen auch relevant. Mir kam es vor allem darauf an, aufzuzeigen, dass auch Situationen mit 3 Sekundärkodes möglich sind.
    Die Diskussion bestätigt übrigens meine alte These, dass das Regelwerk so kompliziert ist (und mit den U-Kodes von uns selbst noch weiter verkompliziert wurde), dass im klinischen Routinebetrieb selbst bei überdurchschnittlichem Engagement eine hohe Fehlerrate auch durch Schulungen kaum abzubauen sein wird, sofern nicht eine innovative Softwarelösung eingesetzt wird.


    Grüsse aus Berlin

    Dr. Rolf Bartkowski
    Arzt f. Chirurgie, Med. Informatik
    Berlin