Prärenales Nierenversagen

  • Hallo Forum,


    bei folgender Kodierung bestehen Probleme mit dem MDK:
    Patient wird mit einer fieberhaften Gastroenteritis mit Diarrhoe und Exsikkose stationär aufgenommen. Als Folge der Gastroenteritis und Exsikkose waren bei Aufnahme die Retentionswerte - Kreatinin 1,78 und Harnstoff erhöht. Unter Infusionstherapdie deutlicher Rückgang der Retentionswerte.
    Kodierung:
    HD A09
    ND E86 und N17.9 Akutes Nierenversagen n.n. bez.
    Vom MDK wird die Kodierung der ND N17.9 nicht akzeptiert. Begründung:
    In diesem Fall lag eine Verschlechterung der Nierenfunktion bei Exsikkose vor, zu codieren mit E86 und N28.9 sonstige Krankheit der Niere und des Ureters andernorts nicht klassifiziert.
    Bei einem ähnlichen Fall wird vom MDK statt der N17.9 die R39.2 Extrarenale Uräümie zur Kodierung vorgeschlagen.


    Welche Kodierung ist korrekt??
    Mit freundlichen Grüssen,
    Fenske

    Dr. Sonja Fenske
    Leitung Medizincontrolling
    Klinikum Stuttgart

  • Hallo Sonja,


    also ich persönlich würde mit der DKR D002d argumentieren, wo in mehreren Beispielen aufgeführt ist, dass jeweils der spezifischste Kode zu wählen ist. In Ihrem Fall ist N28.9 oder gar ein R-Kode eindeutig wesentlich unspezifischer! Aus meiner Sicht stellt sich allerdings die Frage, ob dieses akute prärenale Nierenversagen wirklich die Nebendiagnosenkriterien erfüllt, denn die Infusionstherapie wäre ja ohnehin für die Exsikkose erfolgt und haben Sie wirklich zusätzlichen diagnostischen oder therapeutischen Aufwand betrieben (und dokumentiert)?


    Nebenbei finde ich den ICD 10 bezüglich des akuten Nierenversagens unglücklich eingeteilt, weil er ausschließlich histologischen Gesichtspunkten folgt. Funktionelle Einteilung wie die nach prärenal, renal postrenal haben hier leider keinen Platz, aber das ist eine andere Baustelle...


    Frohes Schaffen wünscht und es

    grüßt H. Staender :baby:
    Oberarzt Pädiatrie

  • Hallo,


    das Argument, dass es sich nicht um ein \"Nierenversagen\" handele, zieht nicht.


    Es hat eine akute Niereninsuffizienz bestanden. Dies ist eine deskriptive und somit noch nicht sehr spezfische Aussage. Das Nieren\"problem\" (wenn wir es mal so nennen) wurde mit der einfachsten Therapiemodalität behandelt. Ex ante besteht in Kenntnis der Retentionsparameter ein erhöhter Resssourcenverbrauch, denn man muss öfter nach so einem Patieten schauen als nach anderen. Wenn der Patient sich dann - nachdem der \"Ressourcenverbrauch\" erfolgt ist, gut entwickelt hat, war die \"Ressource\" Arzt oder Krankenschwester zwar \"unnötig eingesetzt\", aber dass weiss man ja nicht vorher.


    In der Inneren Medizin ist nun einmal ein „akutes Nierenversagen“ definiert als eine akute Niereninsuffizienz, welche im Grundsatz reversibel ist und sich durch einen Serumkreatininanstieg um mehr als 50% des Ausgangswertes auszeichnet. Im geschilderten Fall war das so.


    Grüße von der Ostsee,

    Dr. med. Christoph Bobrowski, M.Sc.

  • Hallo Frau Fenske,


    das ist ja interessant. Ich habe gerade in dieser Minute einen identischen Fall auf dem Schreibtisch. Hier war allerdings die N17.9 ursprünglich als HD kodiert, und A09, E86 und E87.1 als ND. Der MDK forderte jetzt die A09 als HD (nachvollziehbar), hatte aber an der N17.9 als ND nichts auszusetzen, so dass jetzt die DRG G67B resultiert, während es bei Ihnen die G67C sein dürfte. Lediglich die zusätzliche Kodierbarkeit der E87.1 wurde bestritten, da regelhaft zu erwarten und ohne zusätzlichen Ressourcenverbrauch. Näheres zur Begutachtung ist aber nicht bekannt, da es sich nur um eine kurze Ergebnismitteilung durch die KK nach Fallberatung handelt. In Ihrem Fall würde ich mich der Argumentation von Herrn Bobrowski anschließen und (möglichst nachweisbaren) Mehraufwand reklamieren. In unserem Fall wurde z.B. noch ein nephrologisches Konsil durchgeführt, dass auch zur Umstellung der bisherigen Medikation führte.


    Viele Grüße aus Nordhorn (Niedersachsen),


    Andreas Bongartz

  • Hallo zusammen nochmal!


    Soeben habe ich vor lauter Schreck tatsächlich in der Einleitung zur Gruppe der Diagnosen N17-N19 das Exklusivum Prärenale Urämie (R39.2) entdeckt, das war mir vorher entgangen. Könnte also sein, dass der MDK zurecht auf der R39.2 besteht.


    Aus dem wechselhaften Westfalen

    grüßt H. Staender :baby:
    Oberarzt Pädiatrie

  • Hallo zusammen,



    vielen Dank für die vielen Beiträge. Für mich stellt sich nun die Frage: Wann kodiere ich die R39.2 Prärenale Urämie und wann die N17.9 Akutes Nierenversagen n. n. bez.. Ich werde mich mit dieser Frage an Dimdi wenden. Über die Antwort werde ich berichten.


    Viele Grüsse,
    S. Fenske

    Dr. Sonja Fenske
    Leitung Medizincontrolling
    Klinikum Stuttgart

  • Hallo Frau Fenske,


    das DIMDI dürfte da wohl auf gängige Lehrbücher verweisen; zB den beliebten \"Herold\", ausführlicher natürlich im Harrison die gewünschte Differenzialdiagnostik prärenal / renal.
    R39.2 schließt prärenale NV aus N17.- aus. Bei einem Krea-Anstieg mag eine akute Niereninsuffizienz eine gute Arbeits-Diagnose sein; ein prärenales NV (und auch postrenales NV) ist aber immer nephrol/ urologisch auszuschließen. Danach sind mehr als 50% der ANVs eben prärenal. R39.2 sollte damit häufiger als N17.- sein. Erst recht bei Diagnosen wie GI-Infekt,Dehydration.


    mfg ETgkv

  • Guten Abend,


    Zitat


    Original von ETgkv:
    Hallo Frau Fenske,


    R39.2 sollte damit häufiger als N17.- sein. Erst recht bei Diagnosen wie GI-Infekt,Dehydration.





    Energischer Einspruch!


    Der Standard (auch in der Kodierung) wird international festgelegt
    EuGH in C-157/99


    Amerika:
    “A patient was admitted with acute renal failure due to dehydration.
    Treatment was limited to IV fluid administration.
    The BUN and creatinine returned to normal.
    No renal workup or renal disease was noted, although the renal function
    was followed through close monitoring of fluid intake and output.


    The PDx is: acute renal failure.
    The dehydration is a secondary diagnosis.â€


    Coding clinic 2003





    Australien
    2000-01 Australian hospital morbidity data, AR-DRG v5.0


    MDC 11


    R39.2 wird nicht in Kombination mit Dehydration (Volumenmangel) angegeben
    R39.2 als Nebendiagnose 0


    R39.2 Hautdiagnose 0.07% DRG L65B
    R39.2 als Hauptdiagnose 0.19% DRG L65A





    Gruß


    Eberhard Rembs

  • Zitat


    EuGH in C-157/99


    Kurze Rückfrage: Was bedeutet dies ?


    Gruß,

    Dr. med. Christoph Bobrowski, M.Sc.

  • Guten Morgen Herr Bobrowski,


    Zitat


    Original von bobrowski:
    Kurze Rückfrage: Was bedeutet dies ?


    Kurze Antwort: Das hier und auch dieses.


    Hallo Eberhard,


    kannst du bitte erläutern, wie du deine Aussage aus diesem Urteil ableitest?

    Mit freundlichen Grüßen

    D. D. Selter

    Ärztlicher Leiter Medizincontrolling

    Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau

  • Guten Abend,






    sorry, hier hätte ich ausführlicher das statement (wird so auch von Juristen interpretiert)
    „ der Standard wird international festgelegt“
    belegen müssen.




    EuGH in: C-157/99 Smits/Peerbooms
    “93……according to the Netherlands Government, professional opinion in the Netherland is also based on the state of the art and on scientific thinking at international level …â€



    Gruß


    Eberhard Rembs

  • hallo Herr Rembs,


    Ihre Zahlen für HD R39.2 sind beeindruckend, beeindruckend niedrig. Das spricht für ihre Zuordnung (und die des DIMDI).
    Wie machen Sie das, alle diese Seiten im Internet im Blick zu haben? Übrigens, ich habe davon profitiert. Damals bei \"The enigma of sepsis\" bin ich Ihren Verweis gefolgt und habe im Internet laufen gelernt. Danke!


    Zurück zum Problem: \" extrarenale Urämie\" versus \" akutes Nieren-Versagen\", alias R39.2 vs N17.9.
    der Ausdruck \"extrarenale Urämie\" ist aus den 60-zig und 70-zigern Jahren.Später präzisierte er zu \" prärenale Urämie\", anglizierte zu \" prärenale Azotämie\" und internationalisierte zu \" prärenales akutes Nieren-Versagen\".
    Daher ist dies nicht unsinnig: extrarenale Urämie = R39.2 = prärenales ANV.


    Und noch etwas. Nicht alle Authoren (s. J Clin Invest 2004;114:5-14) schließen die prerenale Azotämie beim ANV ein, kommt wohl auf die Fachrichtung an. Dieser Author, R.W: Schrier, ist Nephrologe.


    mfg ETgkv