Mindestmengen!

  • Liebe Kollegen,


    seit zwei Wochen steht die Vereinbarung der Selbstverwaltung zu den Mindestmengen, der von mir erwartete empörte Aufschrei hat bisher nicht stattgefunden. Warum?


    1. Es hat keiner mitbekommen
    2. Alle finden die Vereinbarung gut
    3. "Wir transplantieren eh keine Lebern..."


    1 und 2 kann ich mir einfach nicht vorstellen, und wer die dritte Meinung vertritt, verkennt, daß zukünftig auch Leistungen der Grund- und Regelversorgung betroffen sein werden.


    In der Vereinbarung nach § 137 heißt es u. a.: "...Katalog planbarer Leistungen, bei denen die Qualität ... in besonderem Maße von der Menge ... abhängig ist."


    außerdem:


    "Für die Festlegung sind folgende Informationen zu Grunde zu legen und allen Vertragspartnern und -beteiligten zugänglich zu machen (evidenzbasiertes Verfahren):


    1. Zusammenfassungen des aktuellen Wissensstandes und empirischer Ergebnisse zu nachgewiesenen kausalen Zusammenhängen in besonderem Maße zwischen der Menge der erbrachten Leistung und der Qualität des Behandlungsergebnisses."


    In der Anlage 1 werden nun die Leistungen und Mindestmengen spezifiziert. Ich habe mich an Herrn Walger als Vertreter der DKG gewendet und um die entsprechenden Unterlagen gebeten, aus denen einwandfrei hervorgeht, daß die Qualitätsgrenze bei 10 Lebertransplantationen bzw. Ersatzeingriffen liegt. Der DKG müssen diese Unterlagen ja vorliegen (s. o.), leider habe ich bis heute keine Antwort erhalten.


    Vielleicht kenne ich ja auch die einschlägige Literatur und die sicherlich zahlreichen Studien nicht, die diese Zahlen einwandfrei belegen und untermauern.


    Kann mir jemand mit der Literatur bitte aushelfen oder mir erklären, warum die in der Anlage genannten Zahlen so hieb- und stichfest sind, daß keiner die in Frage stellt?


    Viele Grüße,


    V. Blaschke

    _____________________
    Dr. med. Volker Blaschke

  • Hallo,


    ich muss sagen ich begrüsse die Mindestmengenregelung ausserordentlich und hoffe inständig, das diese auf alle stationären Behandlungen ausgeweitet wird...


    Dies mag zwar gegen die Interessen vieler bes. kleinerer Krankenhäuser sein, ist aber sicher im Interesse des Patienten (auch wenn dieser dann u.U. 100km Anreise in Kauf nehmen muss).


    Und mal ehrlich, ich habe die mich bei der offene Herz-Op meiner Mutter auch extra dafür eingesetzt, dass Sie in ein Haus mit über 2000 solcher Eingriffen/Jahr aufgenommen wurde, obwohl dies 50 km weiter entfernt war, wie das nächste mit nur 400 solcher Eingriffe...


    Das bedeutet langfristig natürlich die Aufgabe der Wohnortnahen Versorgung, aber für eine bessere Qualität, kann da kein Patient was dagegen haben....


    Und die Beweise für die bessere Qualität der großen Zahl werden spätestens in einigen jahren vorliegen, da ja bisher Komplikationsquoten Sektorenübergreifend überhaupt nicht erfasst werden...aber auch das wird (hoffentlich baldigst) auch passieren müssen...und dann wird sich letzlich das zeigen was Studien in anderen Ländern längst bewiesen haben...


    Mindestmengen sind ein probates Mittel die Qualität zu verbessern...


    Auch wenn daran zahlreiche Häuser zugrunde gehen...es ist der richtige Weg...schleißlich gehts um die Gesundheit des Patienten und dem ist meiner Meinung nach alles unterzuordnen...


    Gruß



    --
    Thomas Lückert
    Medizincontrolling
    Johanniter-Krankenhaus im Fläming

    Thomas Lückert
    Stabsstelle Medizincontrolling
    Unfallkrankenhaus Berlin

  • Hallo,


    auch zum Thema Mindestmengen und zu "wir machen ja eh keine Lebertransplantationen":


    Es gibt bei diesem Punkt einen Zusatzbereich von Substitutionsleistungen. Ich war dabei zunächst der Auffassung, dass diese nur dann relevant sind, wenn auch eine Lebertransplantation durchgeführt wird. Auf Nachfrage bei der DKG mußte ich mich aber eines besseren belehren lassen. Ich frage mich nun aber: wieso hat man diese Mindestmengen-Leistung dann nicht gleich "Komplexe Eingriffe am Organsystem Leber" genannt?


    Viele Grüße aus Heidenheim
    Christa Bernauer

  • Ja, diese Substitutionsleistungen können wohl alternativ erbracht werden. Ich habe auch prinzipiell nichts gegen Mindestmengenregelungen, aber die Art und Weise, wie sie hier eingeführt wird, zeugt nicht von einem gut durchdachten Konzept.


    Im Prinzip läuft es jetzt so: Es werden Zahlen definiert, ohne daß anscheinend ein solides, studiengestütztes Wissen hierzu vorliegt, also vermute ich, die Zahlen stammen aus dem Bauch heraus. Eine mehr oder wenige beweiskräftige Datenlage wird aber in der Vereinbarung gefordert. Dann soll man auch transparent machen, warum es 10 Lebern und 20 Nieren sind und nicht 5 und 10 oder 20 und 40. Was nimmt man als Grundlage für die Zahlen? Vielleicht eine "akzeptable" Mortalität von x %? Ist diese Mortalität dann auch Grundlage für andere, noch zu definierende Mindestmengeneingriffe?


    Das Vorgehen, mal einfach Mindestmengen zu definieren und diese dann irgendwie wissenschaftlich zu begleiten, um dann nach einigen Jahren vielleicht belegen zu können, daß diese etwas bringen (oder herauszufinden, daß sie nichts bringen, wäre ja auch möglich), halte ich für etwas leichtfertig. Nimmt denn eine der größeren Kliniken schon wissentlich an einer Begleitstudie teil???


    V. Blaschke


    --
    _____________________
    Dr. med. Volker Blaschke
    Arzt für Dermatologie / Allergologie
    Medizincontroller
    Herzzentrum Göttingen
    http://www.herzzentrum-goettingen.de

    _____________________
    Dr. med. Volker Blaschke

  • Hallo,


    da kann ich ihnen allerdings voll zustimmen, die intransparenz ist gerade bei den konkreten Mindestmengen höchst unerfreulich...



    --
    Thomas Lückert
    Medizincontrolling
    Johanniter-Krankenhaus im Fläming

    Thomas Lückert
    Stabsstelle Medizincontrolling
    Unfallkrankenhaus Berlin

  • Hallo zusammen,


    vielleicht hängt die gelegentlich geringe Entrüstung über gewisse Dinge auch mit dem völligen Overkill an Neuerungen und Umstellungen zum Jahreswechsel zusammen.


    Warum nur muß alles immer zum 1.1. in Kraft treten?
    wie z.B:
    neuer ICD
    neuer OPS
    neue Kodierrichtlinien
    neue Kodiersoftware
    neuer Grouper
    neue Zuzahlungsregelungen
    stationsersetzende Maßnahmen
    Mindestmengenregelung
    "DMP-Programm der AOK"
    (to be continued...)


    Da fehlen vielleicht an der einen oder anderen Stelle die Reserven, sich kritisch und gründlich mit jedem Thema auseinanderzusetzen.


    Ein Chelm, wer denkt, daß dieser Wahnsinn Methode haben könnte....


    Grüße
    PB

  • Zitat


    Original von Blaschke:


    Kann mir jemand mit der Literatur bitte aushelfen oder mir erklären, warum die in der Anlage genannten Zahlen so hieb- und stichfest sind, daß keiner die in Frage stellt?
    V. Blaschke


    Guten Abend,


    Vermutung: Es sind „politische“ Zahlen!
    Zu den jetzt vorgestellten Zahlen sind mir keine wissenschaftlichen Publikationen bekannt.



    Siehe auch:
    „Mit der Mindestmengenregelung wird ein weiteres Mal eine gesetzliche Regelung mit hohen sachverständigen Vorschusslorbeeren nach dem Prinzip Hoffnung eingeführt (siehe auch die integrierte Versorgung und die hundertprozentige Fallpauschalenregelung), um bei der Umsetzung festzustellen, dass beispielsweise die dafür benötigten verlässlichen Daten und rechtlich verwertbaren Beweise trotz der in den letzten Jahren verwaltungsaufwendigen Datenanhäufung nicht vorhanden sind. Also wird nach der Einführung der Mindestmengenregelung der sachverständige Ruf nach einer umfänglichen Forschung laut. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.“ 25.3.2003
    http://www.bruckenberger.de/frame.htm



    „Kleine Abteilungen mit niedrigen Fallzahlen rechnen sich unter Fallpauschalenbedingungen nicht, stand auch für Ernst Bruckenberger, niedersächsisches Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales, Hannover, fest: Ein Grund dafür sind steigender Investitionsbedarf – nicht jedoch die viel diskutierte Regelung zur Mindestmenge, wie sie im Gesetz vorgeschrieben ist. Diese sei rechtlich fragwürdig, weil sie einem Berufsverbot nahe komme. Zudem erfasse sie voraussichtlich nur 0,1 Prozent der jährlichen Gesamtzahl an Fällen: „Wenn die Krankenkassen merken, dass sie mit den Mindestmengen die Ausgaben in keiner Weise bewegen, dann wird das Interesse schlagartig nachlassen.“
    http://www.marburger-bund.de/b…undheitspolitik/index.htm




    Gruß


    E. Rembs

  • Ja, Herr Rembs, das sind dann wohl "politische" Zahlen. Aber dann sollte man das auch so sagen und nicht unter dem Deckmantel der "Wissenschaftlichkeit" verbergen. Das ist schon ein merkwürdiges Gehabe und stellt den Teilnehmenden kein gutes Zeugnis aus.


    Nach Bruckenberger (Zahlen 2002) würden 4 der 40 Nierentransplantationszentren und 7 der 24 Lebertransplantationszentren entfallen, wobei es nicht möglich ist, hier die Zahl der Substitutionseingriffe anzugeben. Es mögen also bei der Leber etwas weniger sein.


    Wenn sich diese Art der Mindestmengenfindung fortsetzt, muß man wohl fast von Willkühr sprechen. Es scheint, daß die meisten damit einverstanden sind, auf diese merkwürdige Art zukünftig Leistungsbereiche entzogen zu bekommen.


    V. Blaschke



    --
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    Dr. med. Volker Blaschke
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    Medizincontroller
    Herzzentrum Göttingen
    http://www.herzzentrum-goettingen.de

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    Dr. med. Volker Blaschke

  • Hallo Forum,


    eine Meinung von der Kassenseite zu diesem Thema: Die hier vermutete Enttäuschung der Kassen, wenn die Kosten nicht unmittelbar sinken, erwarte ich nicht. Ich glaube, dass bei den genannten OP-Gebieten es einzig und allein um den Patienten/Versicherten geht. Die Kosten können hierbei kein Kriterium sein. Entkleiden wir nämlich den Fall von der Ethik, dann ist die nicht zum Tode führende, will sagen qualitativ hochstehende Behandlung ja teurer(Folgekosten). Es kann also hier nur um das Wohl des Versicherten gehen. Glauben Sie mir, die Kassen sind nicht für den Stift und Radiergummi, sondern für den Versicherten da.(Das heißt aber manchmal auch Stift und Radier-gummi) -


    Wenn ich jetzt einmal die Lebertransplantationen und die Ersatzbehandlungen betrachte, dann müssten an sich die Transplations-zentren erleichtert aufatmen. Bei Mindestmenge 10 kommt es dann, sagen wir mal, zu 8 Transplantationen. D.h. normalverteilt ca. alle 1 1/2 Monate eine OP. Da diese ja nun nicht normalverteilt sein werden, gibt es hier möglicherweise monatelang keine einzige Transplantation? - Nach meiner Einschätzung geht es hier ja nicht nur um hohes Fachwissen und einen hohen technischen Standard, sondern auch und vor allem um edles Chirurgen-Handwerk. Dies lebt letztlich im hohem Maße von der Erfahrung und Routine.


    Will man die Behandlungen an bestimmten Orten konzentrieren, halte ich das reine Zählen für die unverfänglichste Methode. Ansonsten müsste man in ellenlangen, zerfleischenden Prozeduren das Leistungsvermögen der Zentren ermitteln. Kommt dabei heraus, dass die Arbeit den geforderten Ansprüchen nicht genügt, ist das doch sowohl menschlich wie beruflich der Todesstoß.


    Gruß


    Dieter R
    MA einer KK

    Gruß
    Dieter R
    MA einer KK

  • Auch ich finde die Diskussion des Themas "Mindestfallzahlen" lange überfällig! Und wer auf der letzte Veranstaltung der BQS war, der schluckt schon schwer (http://www.bqs-online.de). Die Ergebnisse der Abteilungen mit sehr niedrigen Fallzahlen sind einfach schlechter. Und, Hand aufs Herz, keiner von uns ginge freiwillig in eine Abteilung zur Kniegelenks-TEP, die unter 10 Fälle im Jahr machen (und solche Abteilungen gibt es tatsächlich). Dafür brauche ich auch
    keine wissenschaftlichen Studien, da reichen mir die BQS-Daten und mein gesunder Menschenverstand.
    Warum legt man nicht einfach erst einmal Mindestfallzahlen für die gängigen Wahleingriffe fest??? (TEP´s, Gallen, Hernien, etc.) Nach dem alten Herrn Pareto wäre damit schon eine Menge abgearbeitet und man könnte sich die derzeitigen Diskussionen um seltene Eingriffe, die fast keine Klinik mehr als 10 mal im Jahr macht, schenken. Warum über den Whippel streiten (den sollten eh nur spezielle Zentren machen dürfen!!!!!) statt die Knie-TEP zu regeln?
    Außerdem: was würde denn passieren? Ein kleines Haus mit einem eher unfallchirurgisch ambitionierten Chirurgen würde einfach seine Gallen, Hernien und Dickdarmkarcinome an den eher allgemeinchirurgisch ambitionierten Chirurgen des nächsten Krankenhauses abtreten und dafür dessen TEP´s bekommen. Ergibt identische Fallzahlen für beide Häuser, damit auch identische Budgets und beide Häuser können wirtschaftlicher und besser sein. Klar, ist ein bisschen idealistisch, aber so würden wir Frauen das machen....:besen: :besen: :besen:
    Patricia
    --
    Patklein

    Patklein

  • Hallo,


    warum wohl wurden die seltenen und großen OP ausgesucht? Vermutlich weil da weniger Widerstand zu erwarten ist. Warum auch sollten wir uns um den einen Whipple im Jahr streiten. Den schicken wir einfach nach Stuttgart. Ganz anders sähe das bei gängigeren OP für viele kleine Häuser aus. Diese würden noch schneller eingehen. Um die zehn oder 20 größeren OP lohnt sich der Streit schon eher. Und bei hohen Fallzahlen noch mehr. Und so einfach gibt keiner seine Pfründe her.


    --
    Freundlichen Gruß vom MDA aus Schorndorf

    [size=12]Freundlichen Gruß vom Schorndorfer MDA.

  • Hallo Patricia,


    den "alten Herrn Pareto" kenne ich nur wegen seines Pareto-Optimums, will sagen, alle Beteiligten haben ausschließlich Win-Situationen. Das kann ich mir in dem Zusammenhang nicht so recht vorstellen. Ist hier das Optimum gemeint? Und wenn ja, wie?


    Gruß


    Dieter Rajic
    MA einer KK

    Gruß
    Dieter R
    MA einer KK