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Neue W3-Professurin für Digitale Medizin und Interoperabilität berufen

Neue W3-Professurin für Digitale Medizin und Interoperabilität berufen (Berlin Institute of Health).

Professorin Sylvia Thun ist Ärztin, Diplomingenieurin und Expertin für IT-Standards im Gesundheitswesen. Die Direktorin der Core Unit eHealth und Interoperabilität am Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) erhält...

Professorin Sylvia Thun ist Ärztin, Diplomingenieurin und Expertin für IT-Standards im Gesundheitswesen. Die Direktorin der Core Unit eHealth und Interoperabilität am Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) erhält nun eine W3 Professur auf Lebenszeit für Digitale Medizin und Interoperabilität.
Ihr Ziel ist es, Daten aus der medizinischen Versorgung und Forschung besser zu
vernetzen. Thun beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit IT-Standards für
den barrierefreien Datenaustausch. Sie berät in zahlreichen Gremien politische
Akteure sowie Einrichtungen im Gesundheitswesen. Ihre Professur am BIH tritt
sie am 1. Oktober 2021 an.

Jeden Tag entstehen unzählige Daten im Gesundheitswesen. Informationen über
Diagnosen, Behandlungen und Krankheitsverlauf, über molekulare Details oder
Stoffwechselprozesse. „Wir haben einen riesigen Datenschatz“, sagt Professorin
Sylvia Thun, die im BIH bereits seit 2018 die Core Unit eHealth und
Interoperabilität leitet. „Es wäre unethisch, diese Daten nicht zu nutzen!“

Uneinheitliche Daten behindern Erkenntnisse
Doch das ist nicht so einfach. Die Daten aus Forschung und Versorgung werden in
jedem Labor und jedem Krankenhaus anders erfasst. Sie sind unterschiedlich
formuliert, formatiert und in verschiedenen Softwaresystemen, wenn nicht gar
auf Papier gespeichert. „Deshalb ist es nicht möglich, zum Beispiel die Daten
aller Brustkrebspatientinnen oder aller Diabetespatienten miteinander zu
vergleichen“, bedauert Sylvia Thun. Dabei könnte dieser Vergleich dabei helfen,
die individuell wirksamste Behandlung zu finden, seltene schwere Nebenwirkungen
von Medikamenten zu entdecken oder Zusammenhänge zwischen genetischer
Information mit Krankheitssymptomen aufzuklären.

Kommunikationsstandards im Gesundheitswesen
„Wir brauchen Kommunikationsstandards im Gesundheitswesen“, fordert die
Medizinerin und Digitalexpertin. „Wir haben uns deshalb vorgenommen, die Daten
aus der Versorgung, aus molekularbiologischen Befunden, aus Gewebe- und
Blutuntersuchungen und dem pathologischen Bericht strukturiert aufzubereiten.“
Dazu ist es notwendig, dass die Ärzte und Wissenschaftlerinnen ihre Messwerte
und Diagnosen in einer standardisierten „Weltfachsprache“ eingeben. „Dafür
benötigen wir Forschungsprojekte und innovative Software, damit es nicht zu
Mehrarbeiten kommt. Wir hoffen, dass die Patienten sehr bald einen Mehrwert
spüren, da Datascientists die Daten nutzbringend aufbereiten.“

Die einheitliche Datenhandhabung wird auch von der Politik unterstützt:
Einerseits mit dem Krankenhauszukunftsgesetz des Bundesgesundheitsministeriums
(BMG), dessen Reifegradmessung zur digitalen Zukunftsfähigkeit „DigitalRadar“
Sylvia Thun leitet. Außerdem durch das Bundesforschungsministerium BMBF. „In
fast allen deutschen Universitätskliniken werden im Rahmen der
Medizininformatik-Initiative des BMBF Datenintegrationszentren aufgebaut, die
gemeinsam Konzepte entwickeln, wie Daten dokumentiert und gemeinsam
datenschutzkonform genutzt werden können. Diese Chance wollen wir nutzen“, sagt
Sylvia Thun. Hierzu wollen die Beteiligten die FAIR-Prinzipien für
wissenschaftliche Daten einführen: FAIR steht für Findable (auffindbar),
Accessible (zugänglich), Interoperable (kompatibel) und Reusable
(wiederverwendbar). Und Thun geht mit ihrem Team noch weiter: In einem nächsten
Schritt möchte sie Daten über das Smartphone standardisieren: Das soll
ermöglichen, dass Patient*innen Informationen regelmäßig an ihren Arzt oder
ihre Ärztin schicken, damit diese verfolgen können, wie erfolgreich die
Therapie tatsächlich war und sich der Gesundheitszustand im Verlauf verändert.

Standardisierte Daten als Voraussetzung für die Translation
Professor Christopher Baum, Vorsitzender des BIH Direktoriums und Vorstand für
den Translationsforschungsbereich in der Charité – Universitätsmedizin Berlin,
plant, die Professur für „Digitale Medizin und Interoperabilität" zukünftig am
BIH im Themenfeld „Medical Data Science" einzubinden. „Mit der Berufung von
Sylvia Thun haben wir eine exzellente Expertin auf dem Gebiet der
Standardisierung von biomedizinischen Daten für das BIH gewonnen. Denn
standardisierte Daten sind die Voraussetzung für eine Nutzen-orientierte,
personalisierte Medizin, wie wir sie am BIH verfolgen. Insbesondere wird dies
auch die gemeinsame Health Data Plattform (HDP) von BIH und Charité
unterstützen.“

Besondere Aufmerksamkeit schenkt Sylvia Thun derzeit Daten aus der Forschung am
Coronavirus SARS-CoV-2 bzw. der Behandlung von COVID-19. Wissenschaftler*innen
erforschen, wie sich die Ansteckungsrate auf niedrigem Niveau halten lässt,
warum der eine schwer und die andere nur leicht erkrankt, wie man die COVID-19
Erkrankung am besten behandeln kann oder wie lange der Impfschutz anhält. In
Instituten und Universitäten, in StartUp Unternehmen und Behörden sammeln sich
Daten, Ergebnisse und Informationen, die am wertvollsten sind, wenn man sie
miteinander teilt. „Indem wir einheitliche Sprachen wie FHIR, SNOMED und LOINC
verwenden, sind die Daten eindeutig interpretierbar und können sogar
international zusammengeführt und zu Forschungszwecken genutzt werden.“

Kerndatensatz von COVID-19-Patient*innen
Für das nationale Netzwerk der Universitätsmedizin im Kampf gegen COVID-19
erstellte das Team um Sylvia Thun einen so genannten „Kerndatensatz“ der
COVID-19-Patient*innen. Er enthält sämtliche relevanten Informationen,
angefangen bei persönlichen Daten wie Alter, Geschlecht, Größe und Blutdruck
über Laborwerte wie Kreatinin oder D-Dimere, Risikofaktoren,
Medikamenteneinnahme bis zu Symptomen und eingeleiteten Therapieverfahren.

„Genauso wichtig ist die Standardisierung natürlich in der Onkologie, der Herz-
Kreislaufmedizin oder bei Diabetes, diese Erkrankungen sind ja während der
Coronapandemie nicht verschwunden“, sagt Sylvia Thun. Doch ganz besonders
liegen ihr die „Waisen der Medizin“ am Herzen, die so genannten Seltenen
Erkrankungen. „Gerade bei medizinischen Diagnosen, die in ganz Deutschland
vielleicht nur hundertmal vorkommen, kann die digitale Vernetzung äußerst
hilfreich sein.“ Im Projekt CORD-MI kümmert sich das Team darum, dass die
Fortschritte der Digitalisierung auch den Zentren für Seltene Erkrankungen an
den Universitätskliniken zugutekommen.

Mehr Frauen in der Digitalen Medizin notwendig
Und dann gibt es noch ein weiteres Thema, das der umtriebigen Ärztin sehr
wichtig ist: Die Gleichstellung von Frauen in der digitalen Medizin. Denn
sowohl in der Datenbasis, auf der die Algorithmen der künstlichen Intelligenz
beruhen, als auch unter den KI-Entwicklern sind Frauen unterrepräsentiert.
Gemeinsam mit der Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, Dr. Christiane
Groß, hat sie daher das Netzwerk „#SHEHEALTH“ gegründet mit dem Ziel, das
Engagement von Frauen vor allem im Bereich der digitalen Medizin sichtbar zu
machen. „Wir brauchen mehr Medizininformatikerinnen und weibliche Health Data
Scientists, hier hat die Branche definitiv noch Nachholbedarf“, erklärt die
engagierte Wissenschaftlerin, die sogar ein Buch zum Thema mitherausgegeben
hat.

Digitaler Kopf
Sylvia Thun hat Physikalische Technik/Biomedizinische Technik (Dipl.-Ing.)
sowie Humanmedizin an der RWTH Aachen studiert und wurde dort auch 2001 im
Bereich radiologische Bildgebung zum Dr. med. promoviert. Zudem erlangte sie
die Zusatzbezeichnung ‚Medizininformatik‘ der Ärztekammer Nordrhein und ist
Zertifikatsträgerin der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik,
Biometrie und Epidemiologie (GMDS). Anfangs übernahm sie am Bundesministerium
für Gesundheit sowie am Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und
Information (DIMDI) in Köln Forschungsaufgaben, bevor sie 2011 auf die
Professur für Informations- und Kommunikationstechnologien an der Hochschule
Niederrhein (HSNR) in Krefeld berufen wurde. 2014 wurde Sylvia Thun vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung zu einem der „Digitalen Köpfe“
Deutschlands ernannt. Während Ihrer Tätigkeit beim Aufbau der
Medizininformatik-Initiative des Bundesforschungsministeriums (BMBF) wurde
Sylvia Thun 2017 als Visiting Professorin ans BIH berufen. Seither leitet sie
dort als Direktorin die Core Unit für eHealth und Interoperabilität
Forschungsgruppen mit ca. 20 Mitarbeiter*innen.

Quelle: Berlin Institute of Health, 01.10.2021

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erschienen am Dienstag, 05.10.2021